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*** Lady Bird ***


 
lbird kritik
 
Autor: Walter Hummer
         
Greta Gerwigs erste Regiearbeit ist ein Familienfilm, ein Film über das Erwachsenwerden und eine Geschichte von Hoffnung, Enttäuschung, Nähe und Abschied. Der Film behandelt große Themen im kleinen Rahmen und bietet dabei so nebenbei ganz großes Kino.
 
„2002 ist ein Palindrom“
 
Die siebzehnjährige Christine ist 2002 in der Abschlussklasse der High School. Wie so viele intelligente junge Menschen weiß sie genau was sie will und was sie nicht will. Sie will „Lady Bird“ genannt werden. Sie will nicht mehr in der kalifornischen Provinz leben. Sie will an einem angesehenen College an der Ostküste studieren. Sie will lieben. Sie will anders sein. Anders leben. Bloß wie all das funktionieren soll, weiß sie nicht. Üblicherweise erzählt man in einer Kritik noch ein bisschen mehr über die Handlung. Aber nicht was in diesem Film geschieht, ist entscheidend, sondern wie es geschieht. Nämlich ganz natürlich. Logisch. Realistisch. In diesem Film sprechen Darsteller miteinander, als wären sie tatsächlich echte Menschen. Ihre Gespräche klingen, wie die Gespräche von ganz normalen Menschen tatsächlich auch in der Realität klingen.
 
 
Gerade in den letzten Jahren bekamen wir grundsätzlich nur zwei Arten von Dialogen in Spielfilmen zu hören: In Dramen bekommen wir hochtrabende Plattitüden zu hören, die gut klingen solange man nicht eine Sekunde über ihren Inhalt nachdenkt. Und in Komödien und Actionfilmen ist jeder witzig und eloquent. Aber so funktioniert das doch nicht wirklich. Im echten Leben fehlen selbst den intelligentesten Menschen manchmal die Worte. Man missversteht den anderen und spricht aneinander vorbei. Und Menschen die einander sehr nahe stehen, verletzen einander mit ihren Worten oft ohne jede Absicht. Man kann gar nicht genug betonen, wie erfrischend realistisch die Dialoge in diesem Film klingen.
 
Bereits in der ersten Szene sehen wir Mutter und Tochter in einem Auto sitzen. Die beiden haben eine interessante, lange Fahrt hinter sich und freuen sich bald wieder daheim zu sein. Sie unterhalten sich nett und innerhalb von wenigen Sekunden kippt die Stimmung plötzlich ins genaue Gegenteil ohne dass eine der beiden das gewollt hätte. Schon diese erste Szene ist eine Sensation für sich. Sie zeigt zunächst die fantastische Beobachtungsgabe der Drehbuchautorin Greta Gerwig. Und ehe wir uns versehen, sind wir verzaubert wenn Saoirse Ronan und Laurie Metcalf in knapp neunzig Sekunden ein komplexes Drama vor uns ausbreiten, ohne dabei jemals theatralisch zu werden. Das Ganze ist so schnell vorbei, dass wir fast nicht bemerken, wie großartig wiederum Gerwig diese Szene inszeniert hat.
 
In einer anderen Szene sehen wir Mutter und Tochter in einem Laden, wie sie ein Kleid suchen. Die Tochter ist genervt von ihrer Mutter, wie das Siebzehnjährige eben oft sind. Und die Mutter ist enttäusch weil die Tochter genervt ist. Doch plötzlich hebt eine kleine Entdeckung die Stimmung. Es sind kleine Dramen wie diese, die den Reiz dieses Films ausmachen. Und diese Dramen drehen sich nicht nur um die Hauptfiguren. Kurze Auftritte von Nebenfiguren, wie dem emotional unausgeglichenen Schauspiellehrer, der cleveren Nonne oder des Footballtrainers mit ungewohnter Aufgabe, zeigen tiefe Einblicke in faszinierende Lebensgeschichten.
 
01 ©2018 Universal Pictures02 ©2018 Universal Pictures03 ©2018 Universal Pictures04 ©2018 Universal Pictures
 
„Der erste der weint, gewinnt“
 
Greta Gerwig war bei uns bisher vor allem als Schauspielerin bekannt. Aber bereits das – zu Unrecht – kaum bekannte Drama „Frances Ha“ war vor einigen Jahren nach ihrem Drehbuch entstanden. In „Lady Bird“ zeigt sie als Drehbuchautorin wieder viel Verständnis (und ein gutes Gedächtnis) für das Leben junger Erwachsener. Aber auch die Rollen der Eltern wurden von ihr mit viel Liebe und noch mehr Einsicht geschrieben. Sowohl Drehbuch als auch Regie stellen, jede für sich, beeindruckende Leistungen dar. Zusammen bilden sie ein wunderbar realistisches Meisterwerk.
 
Saoirse Ronan hat in wenigen Jahren in so unterschiedlichen Filmen wie „Brooklyn“, „Wer ist Hanna?“ oder „Abbitte“ großartige Leistungen gezeigt. Obwohl sie einen Teenager spielt, sehen wir hier ihre bisher reifste und ausgewogenste Darstellung. Ihre „Lady Bird“ ist gleichzeitig strohdumm und hochintelligent, nervtötend und liebenswert, egoistisch und voller Empathie, … eben ganz so wie junge Menschen sind, die zwar den richtigen Weg eingeschlagen haben, aber noch das größte Stück dieses Weges vor sich haben.
 
Laurie Metcalf ist bei uns vor allem als Sheldons Mutter in „The Big Bang Theory“ bekannt. Nachdem sie seit bald dreißig Jahren immer wieder viel zu kleine Rollen in den verschiedensten Filmen wie „Internal Affairs“, „Onkel Buck“ oder „Scream 2“ spielen durfte, hat Greta Gerwig ihr nun eine fantastische Rolle geschrieben. Und zu sagen, Metcalf würde das Beste aus der Rolle von Lady Birds Mutter machen, wäre weit untertrieben. Metcalf macht aus der Rolle das Beste und noch viel mehr. Sie stellt nicht einfach die Mutter dar. Sie spielt nicht einfach ihre Szenen. Sie zeigt in jeder noch so kleinen Szene ein ganzes Leben. In jedem Blick den sie der Tochter zuwirft, erblicken wir Angst um das Kind. In jedem Seufzen hören wir Verlust. In jeder Geste sehen wir viele kleine Abschiede. Abschiede von Träumen, Abschiede von Möglichkeiten, Abschied vom eigenen Kind. Dabei trägt Metcalf niemals dick auf, spielt immer subtil. Sie spielt nicht das eine „große Drama“, sondern viele kleine Dramen.
 
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Tracy Letts ist in den USA vor allem als Bühnenschauspieler und –autor bekannt. Sein Stück „August in Osage County“ wurde u.a. mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Hier zeigt er in wenigen Szenen als Lady Birds Vater einen Mann der viel verloren hat und trotzdem für alles was er hat dankbar ist. Aus einem traurigen Lächeln dieses Mannes hätten andere einen ganzen Film gemacht.
 
Fazit
 
„Lady Bird“ ist ein fantastisches Drama, ohne je dramatisch zu werden. Der Film bietet unzählige skurrile, witzige Beobachtungen, ohne je zur Komödie zu werden. Er verrät uns viel über die Liebe, ohne je ein Liebesfilm zu sein. Auf eine unaufgeregte, fast lässige Art und Weise, ist hier ein Meisterwerk entstanden. Ganz klar einer der besten und originellsten Filme des Jahres.
 
 
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