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*** Das Wunder von Marseille ***


ouatih kritik

Autor: Walter Hummer
 
Die Verfilmung der Geschichte des achtjährigen Flüchtlings und Schachmeisters Fahim Mohammad soll uns wohl einige wichtige Lehren vermitteln. Leider lehrt uns dieser Film vor allem den Unterschied zwischen gut gemeint und gut gemacht.
 
Eröffnung
 
Fahim lebt mit seiner Familie in Bangladesch. Mit seinen acht Jahren ist er bereits ein begabter Schachspieler, der schon einige Turniere gewonnen hat. Eines Tages nimmt ihn sein Vater mit auf eine lange Reise. Über Indien flüchten die beiden nach Frankreich. In Paris leben Vater und Sohn zunächst in einer Asylbewerberunterkunft. Fahim findet Aufnahme in einem Schachklub, wo ihn der ruppige Trainer Sylvain (Gérard Depardieu) auf die Meisterschaft der unter Zwölfjährigen vorbereitet. Als sein Vater abgeschoben werden soll, muss Fahim um mehr als bloß die Meisterschaft spielen …
 
Schach ist kompliziert. Viele Leute kennen die Regeln, aber nur die wenigsten beherrschen dieses Spiel tatsächlich. Kaum ein Europäer weiß es etwas über Bangladesch und seine komplizierten Probleme. Dieses Land ist weniger als halb so groß wie Deutschland und hat doch doppelt so viele Einwohner von denen mehr als 90% Muslime sind. Und die Flüchtlingskrise ist eines der beiden größten und schwierigsten Probleme unserer Zeit. Wenn die Themen dieses Films alle so kompliziert sind, warum macht es sich Regisseur und Drehbuchautor Pierre-François Martin-Laval in seinem Film dann immer wieder so furchtbar einfach?
 

 
Zu Beginn macht der Film noch vieles richtig. Wie beim Schach werden in der Eröffnung erst die Figuren mobilisiert und dann der König in eine sichere Position gebracht. So kommt die Flucht von Vater und Sohn zwar recht plötzlich, soll aber vermutlich vermitteln, wie das Leben des kleinen Fahim von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt wird. Ein überfüllter Zug in Indien soll das bedrohliche der ungewissen Zukunft vermitteln. Eine Szene, in der die beiden Flüchtlinge in Paris für Bettler gehalten werden, vermittelt eine stille Würde. Und wenn Fahims Vater zunächst Angst vor den Helfern vom Roten Kreuz zeigt, ist das absolut nachvollziehbar.
 
Mittelspiel
 
Wenn eine der bekannten Standarderöffnungen abgeschlossen ist, muss der Schachspieler in der Mittelspiel-Phase selbst kreativ werden und taktisch spielen. Aber bereits die ersten Szenen in und um den Schachklub fallen zu klischeehaft aus. Depardieus Figur des Trainers schwankt unausgeglichen zwischen Aggression und Melancholie hin und her. Seine offensichtliche Zuneigung zur Sekretärin des Klubs wird plump vor uns ausgebreitet, um dann nirgendwohin zu führen. Auch die Probleme der beiden Asylsuchenden werden stark vereinfacht und zu schnell abgehandelt um uns wirklich zu berühren. Das Problem von Fahims Zulassung zur Meisterschaft wird noch nach Beginn des Turniers mal eben schnell in einem kurzen Wortwechsel gelöst.
 
Die Handlung des Films wird weder elegant noch spannend noch besonders interessant präsentiert. Mal schläft Fahim beim Spiel ein. Ein andermal liegt eine Unterhose in einem Kühlschrank. Hier lassen Drehbuch und Regie keinerlei Raffinesse, keine eigenen Ideen erkennen. Die Strategie des Filmemachers fällt schlicht, fast schon plump aus und ist daher ganz leicht durchschaubar. Martin-Laval ist kein Großmeister, nicht einmal ein Meister.
 
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Endspiel
 
Im Endspiel muss der Spieler eine komplizierte Situation in eine einfachere „abwickeln“. Leider war Martin-Lavals Mittelspiel schon viel zu einfach. Und so fällt die „Abwicklung“ dann auch geradezu lächerlich vorhersehbar aus. Der kleine Fahim gewinnt die französische Meisterschaft. Die Sekretärin und gute Seele des Klubs kann noch während des Turniers telefonisch den französischen Premierminister erreichen, der dann auch gleich live im Rundfunk zusagt, diesen Fall nochmal prüfen zu lassen. Und so war der König des Spiels auch in dieser Phase des Films nie wirklich bedroht.
 
Dabei spielt der kleine Ahmed Assad in seinem ersten Film den kindlichen Schachmeister überaus sympathisch. Aber das schwache Drehbuch erlaubt seiner Figur keine echte Entwicklung. Und so kann der Jungschauspieler nur in einigen wenigen Szenen vermitteln, wie schwierig und verwirrend alles für Fahim sein muss.
 
Nicht nur der Jungschauspieler, auch eine erfahrene Schauspiellegende wie Gérard Depardieu, braucht eine gut geschrieben Rolle und einen Regisseur der diese mit ihm erarbeitet. So erinnert nichts was Depardieu in diesem Film zeigt an seine großartigen Leistungen der Vergangenheit („Die letzte Metro“, „Cyrano De Bergerac“) und er wirkt nur wie ein grantiger, unausgeglichener Obelix.
 
Figuren wie Springer und Läufer werden im Schach „Leichtfiguren“ genannt. In der Rolle von Fahims Vater ist Mizanur Rahaman in seinem ersten Film zu sehen. Er strahlt eine traurige Verzweiflung aus, der ein versierterer Filmemacher mehr Raum gegeben hätte.
 
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Isabell Nanty („Die fabelhafte Welt der Amélie“) wirkt in ihrer schlecht geschriebenen Rolle bezaubernd. Am Ende wünscht man sich nicht bloß mehr Szenen, sondern einen eigenen Film mit ihrer Figur. Auch die Kinderdarsteller, die den Rest des Schachklubs verkörpern, haben es nicht verdient als „Bauern“ in diesem Spiel geopfert zu werden.
 
Fazit
 
Pierre-François Martin-Laval hakt formelhaft die Eckpunkte von Fahim Mohammads Geschichte ab, vermittelt uns aber kaum etwas von der Entwicklung dieses jungen Menschen in seiner schwierigen Situation. Auch über Bangladesch, die Flüchtlingskrise oder über das Schachspiel erfahren wir praktisch nichts. Die sympathischen Darsteller gleichen einige der schlimmsten Schwächen aus und so reicht es gerade mal für ein Remis.
 
 
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