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*** Die dunkelste Stunde ***


 
dds kritik
 
Autor: Walter Hummer
Winston Churchill war einer der wichtigsten Politiker des 20. Jahrhunderts. Er war auch ein Mann voller Widersprüche. Gary Oldman lässt diesen Mann nun lebendig werden.
 
We shall fight on the beaches …
 
Erst vor wenigen Monaten konnten wir Christopher Nolans großartigen Film „Dunkirk“, über die Evakuierung der britischen Expeditionsstreitkräfte im Mai 1940, im Kino sehen. Joe Wrights neuer Film zeigt uns nun die politischen und sozialen Hintergründe dieses Unternehmens und portraitiert den Mann der dafür verantwortlich war.
 
Selbst wenn man mit der Geschichte des zweiten Weltkriegs vertraut ist, kann man sich die Situation Großbritanniens und der Welt in diesen Wochen heute kaum noch vorstellen. Die USA unternahmen alles, um nicht in den Krieg in Europa hineingezogen zu werden. Und auch in Europa hatte man Hitlers Marsch durch weite Teile Europas bereits seit mehr als zwei Jahren geduldet. Der britische Premierminister Chamberlain hatte zwar zugunsten des Kompromiss-Kandidaten Churchill abdanken müssen, aber er und seine Gefolgsleute meinten immer noch, durch ihre Appeasement-Politik Hitler besänftigen zu können. Allein Churchill war zu diesem Zeitpunkt entschlossen, den Nazis entgegenzutreten. Wer aber war dieser Mann, der den weiteren Verlauf der Geschichte entscheidend beeinflussen sollte?
 
 
Obwohl aus einer Familie des britischen Hochadels stammend, war er doch für sein rüdes Benehmen bekannt. Nicht einmal sondern zweimal im Laufe seiner politischen Karriere hatte er die Partei gewechselt. Er war ein schwerer Trinker und brillanter Denker. Ein Workaholic, der sogar den britischen König versetzte, weil er jeden Nachmittag sein Nickerchen hielt. Einer der größten Redner seiner Zeit und mit einem Sprachfehler geschlagen. Ein genialer Stratege, der als Minister für eines der furchtbarsten militärischen Debakel des ersten Weltkriegs verantwortlich war.
 
Drehbuchautor Anthony McCarten hat mit „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ schon einmal die Geschichte eines ganz besonderen und genialen Menschen erzählt. Und auch hier zeigt er uns Churchill und seine Eigenarten nicht einfach nur. Nein, er setzt diese in einen Kontext. Wenn Churchill selbst ranghohen Persönlichkeiten ins Wort fällt, dann weil er schneller und ergiebiger denkt als diese und daher keine Zeit für ihr Geplapper hat.
 
Wenn er im Bett oder in der Badewanne liegend Briefe diktiert und selbst von der Toilette Anweisungen erteilt, dann weil sein Gehirn ständig arbeitet. Churchill ist sich, anders als der Rest der britischen Oberschicht, seiner privilegierten Art zu leben wohl bewusst. Wenn er von Mitarbeitern, Truppen und sogar von seinem Volk scheinbar zu viel verlangt, dann weil er weiß was diese zu leisten im Stande sind. In einer Szene will ihn ein Berater zu einem weniger kämpferischen Text einer Rede überreden. Churchill entgegnet, er wolle „den Menschen damit ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermitteln, von dem sie noch nicht wissen dass sie es haben“.
 
Regisseur Joe Wright hat u.a. mit „Stolz und Vorurteil“ und „Abbitte“ bereits feines Gespür für historische Stoffe bewiesen. Er zeigt uns authentische, lebendige Bilder dieser Zeit, die aber niemals plakativ ausfallen. Churchill ist ein Mann des gesprochen und geschriebenen Wortes (nicht umsonst hat Churchill später den Nobelpreis für Literatur verliehen bekommen). Im Film vermittelt er Kraft, Hoffnung und auch Entschlossenheit mittels seiner Sprache. Kameraführung, Schnitt, Ton, Ausstattung, Maske und Musik sind auf unaufdringliche Weise hervorragend. All diese Aspekte des Films dienen nur dazu, das Kernthema des Filmes zu vermitteln; die Kraft der Sprache eines besonderen Mannes in einer schwierigen Zeit.
 
This was their finest hour …
 
Wenn man an Schauspieler denkt, die Winston Churchill spielen könnten, würden die meisten Filmemacher wohl nicht zuerst an Gary Oldman denken. Namen wie Anthony Hopkins oder Brian Cox würden naheliegender erscheinen (tatsächlich hat Brian Cox diese Rolle in einem Film gespielt, der erst im Sommer dieses Jahres bei uns – absolut zu Recht – kein Publikum gefunden hat). Aber bei all den Blockbustern der letzten Jahre darf man nicht vergessen, wie Oldmans Karriere mit der großartigen Darstellung der Punk-Ikone Sid Vicious begonnen hat. Später hat er so unterschiedliche Vorbilder wie den Dichter Dylan Thomas, den JFK-Attentäter Lee Harvey Oswald und sogar Ludwig von Beethoven verkörpert. Als Winston Churchill zeigt er eine unvergleichliche Leistung. Beim Zusehen vergessen wir nicht nur, wer auf der Leinwand zu sehen ist. Wir vergessen, dass da überhaupt ein Schauspieler zu sehen ist. Wir sehen nur Churchill. Von Gary Oldman ist keine Spur zu erkennen. Wann haben wir zuletzt einen Schauspieler so spielen sehen?
 
Kristin Scott Thomas hat als Churchills Ehefrau leider nur wenige Szenen. Trotzdem vermittelt sie, wie die Frauen in dieser Zeit zwar in der zweiten Reihe zu stehen aber trotzdem mindestens so viel zu leisten und zu opfern hatten wie ihre Männer. Wir verstehen; genauso wie der zweite Weltkrieg ohne Churchill anders verlaufen wäre, so wäre Churchills Leben ohne seine Frau anders verlaufen.
 
Auch der Rest der Besetzung ist hervorragend: Lily James gibt dem britischen Volk sowohl für Churchill als auch für die Zuseher ein Gesicht. Ronald Pickup als Neville Chamberlain zeigt die ganze Tragik eines Mannes, der am Ende seines Lebens mit seinem Scheitern konfrontiert wird. Ben Mendelsohn (zuletzt als Krennic in „Rogue One“ zu sehen) spielt einen glaubwürdigen König George VI, der sich seinen und den Ängsten seines Volkes stellen muss.
 
Fazit
 
„Die dunkelste Stunde“ ist einer der besten Filme des Jahres. Gary Oldman zeigt eine Ausnahmeleistung. Unbedingt in der englischen Originalfassung ansehen!
 
 
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