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***Captain Fantastic***

cfant kritik
 
Autor: Nick Prahle
 
Mitten in den Wäldern des Nordwesten der USA haben Ben (Viggo Mortensen) und Leslie (Trin Miller), beide hochgebildet, ihren sechs Kindern ein Paradies geschaffen. In einer anregungsreichen, natürlichen Umwelt, deren Zentrum ein großes Tipi darstellt, versorgen sie sich autark und erziehen ihre Kinder zu außergewöhnlichen Individuen.
 
Zu ihrer Erziehung gehören Trainingseinheiten, der Umgang mit Werkzeugen und Naturkunde. Genauso beschäftigen sie sich mit höherer Literatur, Sprachen, klassischer Musik und philosophischen Werken. Als die Mutter in einem Krankenhaus in New Mexico Selbstmord begeht, begeben sich Ben und seine Kinder in ihrem umfunktionierten Schulbus Steve“ zur Beerdigung entgegen der Warnung von Leslies Vater Jack (Frank Langella), dass er Ben verhaften lassen würde, wenn er sich blicken lässt.
 
Denn Ben hält seine Kinder unerlaubter Weise aus der Schule fern. Auf der Reise werden die Kinder zum ersten Mal mit der sozialen Realität der Vereinigten Staaten konfrontiert. Vor allem Bens ältere Söhne beginnen dabei die Methoden ihres Vaters, des „Captain Fantastics“, in Frage zu stellen. Und auch Ben beginnt zu zweifeln, ob seine Erziehung und Freiheitsliebe seine Kinder am besten auf diese Welt vorbereiten.
 
Gleich zu Beginnvon Regisseur Matt Ross’ Film, wird der Zuschauer in Staunen versetzt. Sieben Gestalten rennen durch das Dickicht des Waldes. Sie sausen an der Kamera vorbei. Doch es ist keine Flucht. Es ist nur das allmorgendliche Training dieser ungewöhnlich athletischen Familie. Das Szenenbild (Russen Barnes) und die Kamera (Stéphane Fontaine) hauchen dieser organischen Wildnis, in der sie großwerden, Leben ein. So genial und detailversessen wie Barnes das Waldstück und den alten Schulbus Steve“ gestaltet, so pur und klar fängt Fontaine die Sonnenstrahlen ein, die durch Baumwipfel scheinen. Eine Bildwärme und Natürlichkeit, deren Schönheit fast traurig macht.
 
 
Eindrucksvolle Jungschauspieler
 
ren da nicht diese sechs verblüffenden Kinder, die sich mit so viel Neugier, fröhlichem Leichtsinn, aber auch ernsthaftem, nachdenklichen Tun, die Welt erschließen. Immer wieder entlocken sie einem mit ihrer Art ein Schmunzeln. Zum Beispiel der Jüngste, Nai (Charlie Shotwell), der nicht locker lässt als er von seinem Vater wissen will, was denn ein Puff, eine Prostituierte und Sexseien. Worauf dieserehrlichantwortet.
 
Oder die beiden älteren Mädchen, Abigail und Claire, die sich fließend auf Esperanto unterhalten, obwohl sie nur Sprachen sprechen sollen, die alle verstehen. Oder Zaja (Shree Brooks), die auf Nachfrage die Bill oft Rights nicht nur wiedergibt, sondern auch messerscharf analysiert. Schon ihre Namen haben ihre Eltern selbst kreiert. DieEigenwilligkeit der Kinder findet aber auch im Widerstand Ausdruck: Rellian (Nicholas Hamilton) findet zum Beispiel Gefallen an der Lebenswelt, die ihm sein Großvater bietet oder die er im Haus seiner Tante erfährt.
 
Das Geschehen kippt vom Komischen ins Tragische, als der älteste Sohn Bo (George Mackay), beim Rummachen mit einem Mädchen von dessen Mutter erwischt wird. Bo fällt nämlich im Duktus eines neuadligen Romantikers auf die Knie und bittet um die Hand der Tochter, als wäre das die einzig angemessene Reaktion. All diese unterschiedlichen Charaktere erscheinen glaubwürdig und das liegt an den herausragenden Nachwuchsschauspielern. Sie sind allesamt ein Glücksfall — unverbraucht, erfrischend und eigensinnig wie ihre Figuren!
 
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Ein ausgezeichneter Viggo Mortensen
 
Ben hält diese diese Familie zusammen. Er ist ein Idealist von radikaler Ehrlichkeit, der seinen Kindern nicht verschweigt, was mit ihrer Mutter geschehen ist. Er beantwortet ihnen jede Frage, verlangt aber ebenso triftige Analysen von ihnen. Ben schafft für seine Kinder eine Gegenwelt. Sein Anspruch an sie ist ebenso hoch, wie der an sich selbst.
 
Um sie zu Individuen zu erziehen, die ihr Leben unabhängig und frei bestreiten können, richtet er sein ganzes Tun auf sie. Manchmal ist er dabei starrsinnig und kalt. Zum Beispiel in dem Moment, als er seinen Kindern vom Tod ihrer Mutter erzählt, woraufhin diese in Tränen ausbrechen. Im selben Atemzug verkündet er, dasssich nichts ändere“ und sie ihr Leben so leben wie bisher“. Doch vor allem ist er aufrichtig und liebevoll, wenn er mit seinen Kindern lacht, im Wasser tollt, musiziert, liest, meditiert oder sie tröstet. Die Bewunderung, die in diesen Worten liegt, verdankt sich der warmen Ausstrahlung Viggo Mortensens.
 
Seinen Gegenpart übernimmt Frank Langella als Jack. Er spricht aus, was viele Zuschauer denken werden: Du bereitest sie nicht auf die reale Welt vor! Wenngleich er Härte und Kalkül in sein Spiel legt, gelingt es ihm, wie Mortensen, seine Rolle vor einseitigen Zuschreibungen zu bewahren. Er ist genauso ein Mann, der seine Familie schützen will.
 
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Eine kluge Zivilsationskritik
 
Das Entscheidende im Film ist die Begegnung mit der uns bekannten Welt. Dort wo die Aussteigergeschichte zum Road-Movie wird. Denn im Haus der Tante, im Diner, in der Bank, auf den Straßen, überall sieht man unsere Gegenwart aus dem Blickwinkel dieser Familie. Und das, was man sieht, lässt einem mulmig zumute werden.
 
 
Deshalbruft der Film auch eine tiefersitzende Ablehnung hervor - man möchte diese Geschichte irgendwie beiseite schieben. Warum? Weil der Film unsere Lebensform hinterfragt, unsere Normen, unsere Praktiken. Es ist eine Zivilisationskritik, die ins Mark trifft. Bens Handeln beruht auf dem Drang eines Individuums, sich gegen die Verdrehungen unserer Gesellschaft zu wehren und sich selbst und die seinigen als lebendige Wesen zu erhalten. Es ist ein Akt der Revolte, wenn er versucht seine Kinder vor einer ökonomisierten Weltzu bewahren. Man muss dieser Kritik gar nicht in aller Entschiedenheit folgen. Doch man sollte sich auch nicht darauf versteifen, lediglich zu ergründen, wie realistisch oder utopisch, die Fähigkeiten der Kinder denn sind, oder ob so ein isoliertes Leben möglich sei.
 
Am Ende geht es um uns
 
Denn der Film propagiert kein unbeschwertes Hippie-Leben, er ist kein pädagogisches Plädoyer für das Lernen ohne Schule, ist nicht ideologisch, bietet kein politisches Modell. Er stellt vor allem infrage. Was ist merkwürdiger? Das Tier selber zu erlegen, dass man essen will oder es irgendwo kaltgestellt und abgepackt in einem Supermarkt zu kaufen?
 
Was ist erfahrungsreicher? Die Auseinandersetzung mit Kunst, Literatur und Musik oder das ständige Rumspielenauf irgendeiner Konsole?
 
Was ist vernünftiger? Den Norman-Chomsky-Day zu feiern, zu Ehren des Intellektuellen und Friedensstifters, oder Weihnachten, zu Ehren eines kleinen, mythischen Kobolds“?
 
Was ist klüger? Als US-Amerikaner die Verfassung seines Landes „Bill of Rights“ zu kennen und sich über sie ein Urteil bilden zu können oder zu glauben, sie sei eine Art Rechnung?
 
Die Antwort von vielen würde lauten, dass das eine zwar wünschenswert, das Andere aber nun mal Normalität wäre. Deshalb schade Ben seinen Kindern auch, weil er sie sozial ausschließt. Das wird ihm im Film auch immer wieder vorgeworfen. Und doch kann man weiter fragen: Ist es tatsächlich übertrieben, was die Kinder können oder sind wir schon so abgestumpft, das wir die natürliche Neugier und Auffassungsgabe eines Kindes gar nicht mehr einschätzen können? Und warum ist ihr Verhalten das anormale und nicht unseres? Bens extreme Haltung ist nur die Antwort auf unsere Extreme: die Verschwendung, die digitale Zerstreuung, den Konsum, die Zerstörung der Natur.
 
Wie auch immer man dazu stehen mag - das innere Jugendamt muss beim Zusehen nicht in Erregung geraten. Denn man sollte sich beim Zusehen weniger fragen, ob Ben seine Kinder so erziehen darf. Eher sollten wir uns fragen, was es bedeutet, ein Kind in diese kaputte Welt hineinzuziehen. Es geht um uns.
 
Jedenfalls sollte man den unbequemen Perspektivwechsel und das Reflexionsangebot des Films annehmen. Er kommt ohne stilistisch-formale Anstrengung oder intellektuelle Verrenkungen aus. Es ist vor allem eine leidenschaftliche, ehrliche Geschichte; Konfliktreich und anrührend, zum Lachen und zum Traurigwerden. Und mit befreiten Blick eine Offerte zum Staunen und Nachdenken.
 
(Liebe Leser: der Autor analysiert im nachfolgenden Absatz auch den Ausgang des Films. Wer diesen lieber zuerst im Kino erleben möchte, sollte ab hier nicht weiterlesen.)
 
Im Widerstand zur Gesellschaft
 
Am Ende kommt Ben doch aber der realen“ Welt wieder näher? Stimmt, aber das muss man nicht als Einknicken oder Abbruch interpretieren. Sonst wäre der Film eine reine Tragödie. Der Philosoph Theodor W. Adorno schreibt 1953 in seiner Schrift Minima Moralia Reflexionen aus dem beschädigten Leben im Kurzessay „Asyl für Obdachlose“ den bekanntgeworden Satz: Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“.
 
So gesehen könnte man auch Bens Experiment als von vornherein zum Scheitern verurteilt betrachten. Das Werk verfasste Adorno im US-amerikanischen Exil unter dem Eindruck der Kulturindustrie, die er striktablehnte. Es waren wohl ähnliche Eindrücke, die Ben zunächst bewegten seine Kinder aus dieser Welt zu ziehen.
 
Doch in seiner drei Jahre nach der Veröffentlichung gehaltenen Vorlesung Probleme der Moralphilosophie relativiert Adorno seinen berühmten Satz auf entscheidende und aufschlussreiche Weise: Man sollte soweit es nur irgend möglich ist, so leben wie man in einer befreiten Welt glaubt leben zu sollen, gleichsam durch die Form der eigenen Existenz, mit all den unvermeidbaren Widersprüchen und Konflikten, die das nach sich zieht, versuchen, die Existenzform vorwegzunehmen, die die eigentlich richtige wäre. [] Die wichtigste Form, die das heute hat, ist der Widerstand.“
 
Genau diesen Weg geht Ben mit seinen Kindern. Denn als er sie in die Welt zurückführt, können sie wirklich zu einer Veränderung beitragen. Alles Andere wäre nur das Aufrechterhalten eines elitären Exils. Vielleicht ist es nur närrische Sozialromantik. Doch erst indem sich die Kinder der Gesellschaft aussetzen, können sie tatsächlich etwas dafür tun, dass sie besser wird. Das bedeutet Widerstand: Widerständig in der Gesellschaft zu leben und nicht außerhalb.
 
 
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