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*** Der Fall Richard Jewell ***


ouatih kritik

Autor: Walter Hummer
 
Clint Eastwood ist einer der wenigen Erfolgsregisseure die niemals ein Drehbuch verfasst oder bearbeitet haben. Seit bald 50 Jahren wählt er die Drehbücher für seine Filme aus und verfilmt sie dann einfach. Bisher hat er meist gut gewählt …
 
You got to know when to hold ‘em …
 
1996 arbeitet Richard Jewell als Wachmann bei den Olympischen Sommerspielen in Atlanta. Der übergewichtige ehemalige Polizeibeamte wird von den regulären Sicherheitskräften nicht besonders ernst genommen. Als er als einziger einen Sprengsatz bemerkt, rettet seine Aufmerksamkeit viele Leben. Vier Tage lang ist Richard ein Held. Bis Ermittler des FBI die Theorie entwickeln, Richard könnte die Bombe selbst gelegt haben um Aufmerksamkeit zu erregen. Nachdem die Presse von den Ermittlungen gegen den Wachmann erfährt, wird er für die Öffentlichkeit vom Helden zum fetten Verlierer dem alles zuzutrauen ist …
 
Clint Eastwood ist einer der profiliertesten und professionellsten Regisseure unserer Zeit. In letzter Zeit agiert der bald Achtzigjährige kaum noch selbst als Schauspieler vor der Kamera. Aber regelmäßig alle ein bis zwei Jahre inszeniert er einen Film. Weil Eastwood nicht nur extrem professionell sondern auch effiziert arbeitet, schließt er seine Projekte regelmäßig unter Budget und innerhalb des Drehplans ab. Das war und ist eine Seltenheit bei Regisseuren seines Kalibers.
 
 
Daher darf sich Eastwood seit Jahrzehnten auch schwieriger Stoffe annehmen. Seine dritte Regiearbeit war 1973 eine Liebesgeschichte zwischen einem älteren Maler und einer 19-jährigen Anhalterin. Seinen ersten Golden Globe als Regisseur gewann er 1989 für die Geschichte eines drogensüchtigen Jazzmusikers. Seine ersten Oscars gewann er 1993 für einen der besten und realistischsten Western aller Zeiten. 2005 erhielt er einen weiteren Oscar für einen Film in dem Sterbehilfe geleistet wird. Die Geschichte von Richard Jewell zeigt uns was passiert, wenn Medien und Ermittlungsbehörden sich ihrer Verantwortung nicht bewusst sind. Eastwood hat sich also wieder einen schwierigen Stoff ausgesucht. Und er macht als Regisseur wieder fast alles richtig. Der Film hat einen realistischen Look der wunderbar zum Thema passt. Schnell lernen wir die Hauptfigur als echten Menschen mit Schwächen und Stärken kennen. Ganz unaufdringlich und subtil wird uns in einigen wenigen Szenen der Charakter mit all seinen Facetten vermittelt. Ebenso effektiv lässt uns die Regie fast jede der Nebenfiguren kennenlernen.
 
Know when to fold ‘em …
 
Meistens kann ich recht genau eingrenzen, welcher Teil eines Films misslungen ist und wer dafür verantwortlich ist. Im Fall von „Richard Jewell“ fällt die Entscheidung schwer. Ist es Eastwoods Schuld als Regisseur, die Figur der Reporterin Kathy Scruggs nicht besser ausgearbeitet zu haben? Ist es Olivia Wildes Schuld, wenn ihre Figur fast zur Parodie einer aggressiv ehrgeizigen Frau wird, die im Job über Leichen geht? Oder ist es die Schuld des Drehbuchautoren Billy Ray („Captain Phillips“) wenn er ausgerechnet bei der jungen, starken Frauenfigur die Fakten komplett verdreht?
 
In fast allen Belangen hält sich das Drehbuch an die Fakten. Einzige Ausnahme: Im Film erhält die attraktive Reporterin die Informationen über die Ermittlungen gegen den Wachmann weil sie mit dem zuständigen FBI-Agenten (Jon Hamm) ins Bett geht. Im Anschluss an den Skandal wurde das Fehlverhalten der Pressevertreter und Ermittler in Büchern und Artikeln ausgiebig analysiert. In keinem davon finden sich Hinweise, die Reporterin könnte durch Sex an die Insider-Informationen gekommen sein.
 
01 ©2020 Warner Bros Pictures02 ©2020 Warner Bros Pictures03 ©2020 Warner Bros Pictures04 ©2020 Warner Bros Pictures
 
Alle Fakten sind längst bekannt. Man weiß sogar den Namen des Ermittlers, der die Informationen der Presse zugespielt hat (der Mann hieß tatsächlich Don Johnson). Sein Name wurde im Film geändert, nicht aber der Name der mittlerweile verstorbenen Reporterin Kathy Scruggs. Der Anteil ihres Journalistenkollegen Dave Kindred an der Berichterstattung wird im Film kaum erwähnt, obwohl er es war, der Jewell in einem Artikel als erster mit dem Serienmörder Wayne Williams verglichen hat.
 
Es sind nicht bloß die fehlenden oder verdrehten Fakten rund um die Figur der jungen Reporterin, die diesen sonst so ausgewogenen Film aus dem Gleichgewicht bringen. Es ist auch die Gestaltung und Darstellung dieser Figur. Bereits in ihrer ersten Szene sehen wir eine attraktive Frau, die sich selbst gegenüber Kollegen extrem aggressiv und arrogant verhält. Wenn sie später dem FBI-Beamten Sex als Gegenleistung für Informationen anbietet, tut sie das mit einer Beiläufigkeit als wäre das Teil ihres Arbeitsalltags. Die Frage, ob man ins Hotel gehen oder es gleich im Auto erledigen soll, kennt man sonst nur von Prostituierten an Landstraßen.
 
Eastwood hat hier einen großartigen Film über ein wichtiges Thema gedreht. Das Drama um Richard Jewell und seine Mutter (Kathy Bates), die plötzlich mit Behördenwillkür und medialer Vorverurteilung umgehen müssen, ist großartig geschrieben, inszeniert und gespielt. Auch die Geschichte von Richards Anwalt (Sam Rockwell) berührt uns tief. Warum muss in einem solchen Film auch heute noch die ehrgeizige, junge Frau als rücksichtslose Schlampe dargestellt werden?
 
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Warum müssen dem FBI-Agenten die Informationen von der charakterlosen Frau mit Sex entlockt werden? In den Augen mancher (vor allem männlicher) Filmfans verringert das die Schuld dieses Mannes doch bloß. Warum kann die Motivation des Ermittlers nicht Frustration mit den mangelnden Fortschritten oder Unzufriedenheit mit dem Job sein? Wäre das nicht viel interessanter?
 
Hier soll nicht der Eindruck entstehen, die reale Kathy Scruggs hätte keine Schuld an der furchtbaren Geschichte gehabt. Aber der Film erwähnt nie die psychischen Probleme der Reporterin. Diese wurden nach dem Skandal nur schlimmer und 2001 starb Scruggs an einer Überdosis. Nichts davon wird im Film erwähnt, dabei hätte das die Geschichte bereichert. Gegen Ende des Films darf Olivia Wilde ein paar Krokodilstränen verdrücken, weil die Reporterin spät aber doch einsieht, welches Leid sie über Richard und seine Mutter gebracht hat. An der Stelle wird nicht bloß die Demütigung und Denunziation einer Verstorbenen perfekt. Hier droht der ganze Film zu kippen.
 
Know when to walk away …
 
Kommen wir wieder zu dem, was an dem Film funktioniert. Paul Walter Hauser ist in den USA als Comedian bekannt. Hier erinnert man sich vielleicht an seine großartige Nebenrolle in „I, Tonya“. Er vermeidet die naheliegende Interpretation seiner Figur und spielt den Mann, über den sich so viele lustig machen, niemals lächerlich. Er erweckt nie unser Mitleid. Am Ende bewundern wir Richard für die ruhige Kraft, die in ihm steckt.
 
Kathy Bates kennen wir vor allem als Annie Wilkes aus „Misery“. In den letzten 30 Jahren war sie vor allem in kleinen Rollen in großen Filmen („Titanic“) und großen Rollen in kleinen Filmen zu sehen (für ihre Leistung in „Dolores“ hätte sie einen zweiten Oscar verdient). Sie spielt Richards Mutter Bobi mit einer emotionalen Tiefe, die tief berührt. Bei der Oscarverleihung im Februar ging sie leider wieder leer aus.
 
Sam Rockwell hat uns zuletzt in „Jojo Rabbit“ beeindruckt. Er spielt Richards Anwalt angenehm zurückhaltend als Mann mit eigenen Problemen. In der Liebesgeschichte mit seiner Mitarbeiterin Nadya lässt er sich von ihrer Darstellerin Nina Arianda („Stan & Ollie“) regelmäßig die Show stehlen.
 
Über Olivia Wildes („Dr. House“) Darstellung der Reporterin Kathy Scruggs ist fast alles gesagt. Barbara Stanwyck oder Lana Turner hätten vor 75 Jahren eine solche Rolle spielen können. Olivia Wilde konnte 2020 an dieser Rolle nur scheitern.
 
Jon Hamm spielt nach „Brautalarm“, „The Town“, „Baby Driver“ und anderen Filmen wieder mal einen Armleuchter. Und er spielt den Armleuchter wieder ohne jede erkennbare Motivation, als reines Handlungselement. Vor allem gegen Ende des Films lässt er mehrere Gelegenheiten ungenutzt verstreichen, aus seiner Rolle etwas anderes als einfach bloß einen Armleuchter zu machen. Demnächst bekommen wir Hamm in der Fortsetzung von „Top Gun“ zu sehen. Will jemand wetten, welche Art von Rolle er in dem Film spielen wird?
 
Fazit
 
Regisseur Eastwood hat wieder einmal eine interessante Geschichte extrem hochwertig verfilmt. Leider sind wichtige Teile des Films furchtbar altmodisch und zu simpel ausgefallen und werden der Vorlage nicht gerecht.
 
 
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