DKDL 160x600 Wide Skyscraper Dis Kinoservice JETZT TS

 
nflix news

Kritik: Die Tribute von Panem: Songbirds & Snakes

sub kritik
 
Autor: Christopher Diekhaus
 
In den bisherigen „Tribute von Panem“-Filmen Autokrat und alter Mann, im Prequel nun ein Teenager mit handfesten Aufstiegsambitionen: Wie Coriolanus Snow über Leichen zu gehen lernt, erzählt Francis Lawrence in der neuen Buchadaption nach Suzanne Collins.
 
Schurken im Zentrum des Interesses
 
Gut geschriebene und gespielte Kinobösewichte faszinieren, ziehen in den Bann und können Helden durchaus überstrahlen. Vor allem in den letzten Jahren versuchten sich diverse Filmemacher daran, ikonische Antagonisten genauer auszuleuchten, sie selbst in den Mittelpunkt einer Geschichte zu stellen. „Maleficent – Die dunkel Fee“, „Joker“, die Serie „Ratchet“ und „Cruella“, um nur ein paar Beispiele zu nennen, erzählen allesamt davon, wie die Hauptfiguren zu unbarmherzigen Schurken werden.
 
Origin-Storys, die mal mehr, mal weniger Eindruck hinterlassen. Einreihen in diese Aufzählung kann sich auch „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“, eine Adaption des 2020 veröffentlichten Prequel-Romans zur „Tribute von Panem“-Trilogie nach Suzanne Collins, die zwischen 2012 und 2015 erfolgreich mit Jennifer Lawrence als Überlebenskämpferin Katniss Everdeen verfilmt wurde.
 
Die Heldin der auf vier Werke aufgeteilten Leinwandreihe spielt dieses Mal keine Rolle. Kann sie gar nicht, da die Handlung lange vor den bisherigen Ereignissen einsetzt. Fixpunkt ist vielmehr Coriolanus Snow, der, verkörpert von Donald Sutherland, in den vorangegangenen Filmen als greiser Präsident über den dystopischen Staat Panem herrscht und alljährlich die Hungerspiele ausrichten lässt. Jenen Wettkampf auf Leben und Tod, bei dem nur einer der 24 zwangsrekrutierten, Tribute genannten Heranwachsenden aus den zwölf Distrikten des Reichs als Sieger hervorgehen kann.
 
 
„Die Tribute von Panem - The Ballad of Songbirds & Snakes“ beginnt drei Jahre vor dem ersten perfiden Contest, als Snow noch ein kleiner Junge ist und den gewaltsamen Tod seines Vaters verkraften muss. Schon zu diesem Zeitpunkt klammert sich seine einst ruhmreiche Familie verzweifelt an den alten Glanz, lebt in ärmlichen Verhältnissen, hat die Hoffnung auf eine bessere Zukunft aber nicht aufgegeben. 13 Jahre später drücken seine Cousine Tigris (Hunter Schafer) und seine Großmutter (Fionnula Flanagan) dem inzwischen stattlichen Teenager (Tom Blyth) die Daumen, als er voller Zuversicht zur Verleihung des begehrten Plinth-Stipendiums aufbricht. Ein Preis, der ihm die Türen der elitären Universitätswelt öffnen würde.
 
Alles für die Quote
 
Seine vorzüglichen Leistungen an der Akademie des Kapitols, der Hauptstadt Panems, sind im Jahr der 10. Hungerspiele jedoch wenig wert, da es zu einer unvorhergesehenen Änderung kommt. Das martialische Event steht wegen schlechter Zuschauerzahlen auf der Kippe - und soll nun durch die ehrgeizigen Preisanwärter wieder attraktiver werden. Coriolanus und seine Mitstreiter bekommen jeweils einen Tribut zugeteilt und haben die Aufgabe, eben diese Person zu beraten, zu bewerben und zu pushen. Sein Schützling, die aufmüpfige Sängerin Lucy Gray Baird (Rachel Zegler) aus Distrikt 12, zieht gleich die Aufmerksamkeit auf sich, indem sie bei der Ernte, der Präsentation der Auserwählten, mit einem Lied gegen die barbarischen Hungerspiele protestiert.
 
01 2023 LEONINE02 2023 LEONINE06 2023 LEONINE07 2023 LEONINE
 
Mehr noch als die Filmreihe um Katniss Everdeen will die Vorgeschichte von Oberschurke Snow eine Charakterstudie sein. Diese Absicht zeigt sich bereits in der visuellen Gestaltung des Prequels. Regisseur Francis Lawrence und Kameramann Jo Willems, beide an den letzten drei Franchise-Titeln beteiligt, verengen immer wieder die Perspektive, fangen Gesichter leinwandfüllend ein und erzeugen so eine intime Atmosphäre.
 
Zudem ist die Arena, in der sich die seltsamerweise oft wie aus dem Ei gepellt aussehende Lucy Gray und die anderen Tribute beweisen müssen, dieses Mal kein weitläufiges Gelände, sondern ein mächtiger, bedrückend wirkender Kuppelbau mitten im Kapitol, der sicher nicht von ungefähr an das Colosseum in Rom erinnert. Was ebenfalls hervorsticht: Permanent nutzen die Macher die Froschperspektive, um das Streben Snows auch optisch zu betonen. Coriolanus will an die Spitze, ist anfangs aber noch in einer Position, von der aus er sehnsüchtig nach oben schauen muss.
 
Für Würze sorgen besonders einige furios aufspielende Nebendarsteller. Viola Davis legt all ihre Energie und ihr Charisma in die Rolle der manipulativen, rücksichtslosen Spielleiterin Dr. Volumnia Gaul, die nichts unversucht lassen will, um die Fortführung des Contests zu sichern. Eine ähnlich markante Performance liefert Jason Schwartzman als Wettermann und Moderator Lucky Flickerman ab, der für die TV-Zuschauer den darwinistischen Wettbewerb zynisch-wortreich kommentiert. In den Vordergrund drängt sich zudem Peter Dinklage als desillusionierter Dekan Casca Highbottom, dem Coriolanus‘ Ambitionen aus persönlichen Motiven ein Dorn im Auge sind.
 
Gehetzter letzter Akt
 
Gleichzeitig fällt auf, dass der Film in seiner Übertragung des Romanstoffes auf die Leinwand viele Nebencharaktere, auch solche mit Bedeutung, nur skizzenhaft entwirft. Ob der auf tragische Weise gebrochene Highbottom, die über das Verhalten ihres Cousins zunehmend erschrockene Tigris oder Snows bester Freund Sejanus Plinth (Josh Andrés Rivera) – sie alle kommen etwas zu kurz, um bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
 
Schwächen erlaubt sich „Die Tribute von Panem – The Ballad of Songbirds & Snakes“ auch in der Beschreibung der 10. Hungerspiele, die nur phasenweise Wucht und Intensität entfalten. Mehr noch als die Inszenierung ist hier allerdings das Drehbuch Schuld, das angeblich wichtige Punkte und Handlungsschritte eher halbgar abarbeitet. Das wideraufflammende Interesse des Publikums wirkt behauptet. Der Einsatz der meisten Mentoren bleibt seltsam diffus. Und Lucy Grays Gegner im Ring sind Pappkameraden ohne aufregende Eigenschaften.
 
Erzählerisch knirscht es auch später. Dann nämlich, wenn der Film im letzten Drittel das Setting wechselt und die früh spürbare Anziehung zwischen Coriolanus und der ihm zugeteilten Distrik-12-Bewohnerin erforscht. Liebe, Intrigen, Mord und Verrat sollen einen packenden Cocktail ergeben. Dafür, dass manche Entwicklungen und Wendungen einschneidend sind, nehmen sich die Macher jedoch zu wenig Zeit. Wahrscheinlich wäre es hier wirklich einmal sinnvoll gewesen, die Buchvorlage auf zwei Filme aufzuteilen. Snows Charakterbogen, am Ende durch eine pseudotiefgründige Erkenntnis zementiert, fesselt in der jetzigen Form jedenfalls keineswegs durchgängig.
 
Fazit
 
Ein interessantes visuelles Konzept, einige saftige Schauspielleistungen in den Nebenrollen und ein paar schweißtreibende Survival-Actionszenen reichen nicht, um das „Tribute von Panem“-Prequel in ein rauschendes Filmerlebnis zu verwandeln. Inhaltlich hakt es dann doch an zu vielen Stellen.
 
 
Unterstütze FantasticMovies.DE: