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***Detroit***

 
detroit kritik
 
Autor: Christopher Diekhaus
Heiße Eisen packt die oscarprämierte Filmemacherin Kathryn Bigelow gerne an. Nach „Tödliches Kommando – The Hurt Locker“, einem kompromisslosen Irakkriegsdrama, und „Zero Dark Thirty“, einem kontrovers diskutierten Actionthriller, der die Suche nach Osama bin Laden beschreibt, widmet sich die Kalifornierin erneut einem brisanten politischen Thema.
 
Im Mittelpunkt ihrer jüngsten Regiearbeit „Detroit“ stehen Rassenunruhen aus dem Jahr 1967, in deren Verlauf es zum sogenannten Algiers Motel Incident kam, der drei schwarzen Menschen das Leben kostete.
 
Chaos in den Straßen
 
Im Prolog fassen die animierten Gemälde des afroamerikanischen Künstlers Jacob Lawrence die systematische Diskriminierung zusammen, unter der Schwarze in den USA zu leiden haben. Armut, Verunglimpfung und Ghettoisierung lassen eine Wut aufsteigen und ein Verlangen nach Freiheit, das sich irgendwann Bahn brechen muss. An diese kurze historische Einordnung schließt sich gleich das auslösende Ereignis der Detroit-Unruhen von 1967 an: Als die Polizei eine Bar ohne Ausschankgenehmigung kontrolliert, kommt es vor dem Gebäude zu lautstarken Protesten, die schließlich in gewaltsame Auseinandersetzungen umschlagen und eine der größten Bürgeraufstände in der US-Geschichte auslösen. Häuser werden angezündet, Läden geplündert und militärische Kräfte zusammengezogen, um dem Chaos in den Straßen Herr zu werden.
 
All dies fängt Bigelow mit einer höchst agilen, nie zur Ruhe kommenden Kamera (verantwortlich: Barry Ackroyd) ein, die dem Zuschauer immer wieder neue Blickwinkel zeigt und so das Gefühl des Kontrollverlustes konkret spürbar macht. Eine Unmittelbarkeit entwickelt das Geschehen auch deshalb, weil die Regisseurin regelmäßig Archivaufnahmen in den fiebrigen Bilderfluss einbettet. Erst nach und nach schälen sich einzelne Figuren heraus, denen der Film größere Aufmerksamkeit schenkt, da sie im beklemmenden zweiten Akt zu den Leidtragenden im Algiers Motel Incident werden.
 
 
Nervenaufreibendes Kammerspiel
 
Einer von ihnen ist der Sänger Larry Reed (Algee Smith), der mit seiner Band „The Dramatics“ im Fox Theatre von Detroit auftreten will. Kurz vor Beginn der Show schließt die Polizei wegen der gewaltsamen Auseinandersetzungen jedoch den Veranstaltungsort, weshalb Larry mit seinem Freund Fred Temple (Jacob Latimore) im Algiers Motel einkehrt, um dort auf eine Entspannung der Lage zu warten.
 
In der Unterkunft lernen die beiden schwarzen Männer die weißen Touristinnen Julie (Hannah Murray) und Karen (Kaitlyn Dever) kennen, die sich kurz darauf auf das Zimmer des Vietnamkriegsveteranen Greene (Anthony Mackie) zurückziehen. Aus jugendlichem Übermut und Frustration schießt der ebenfalls im Hotel anwesende Carl Cooper (Jason Mitchell) mit einer harmlosen Startpistole aus dem Fenster, was die in der Nähe befindlichen Sicherheitskräfte für den Angriff eines Scharfschützen halten. Zum Entsetzen des schwarzen Wachmannes Melvin Dismukes (John Boyega), der einen Supermarkt beschützen soll, stürmen schließlich einige Polizisten und Soldaten unter der Führung des Streifenbeamten Krauss (Will Poulter) die Herberge, töten Carl und setzen die Gäste fest, während fieberhaft nach der vermeintlich scharfen Waffe gesucht wird.
 
Schaute "Detroit" am Anfang noch auf das große Ganze, die verheerenden Aufstände in den Straßen, verengt sich der Blick nun auf ein einziges Gebäude, das zum Schauplatz eines Aktes willkürlicher staatlicher Gewalt wird. Larry und die anderen Hotelinsassen werden verhört, misshandelt und gedemütigt und bekommen den tief im System verwurzelten Rassismus schonungslos zu spüren.
 
Als unverbesserlichen Schwarzenhasser zeichnet das Drehbuch des Journalisten Mark Boal vor allem den unzufriedenen Krauss, eine fiktive Figur, die das Verhalten unterschiedlicher, damals involvierter Beamter zusammenfasst. Je mehr die Anspannung zunimmt, umso stärker bemüht sich der junge Polizist, seine Machtposition herauszukehren, und greift dabei zu immer grausameren Methoden. Ohne wegzuschauen, fängt Bigelow das schreckliche Verhör- und Folterspiel ein. Rückt den Protagonisten ständig auf die Pelle. Lässt dem Zuschauer keine Zeit zum Durchatmen. Und macht mit ihrem schweißtreibenden, physischen Inszenierungsstil die in der Luft liegende Todesangst greifbar.
 
01 ©2017 Concorde Film02 ©2017 Concorde Film03 ©2017 Concorde Film05 ©2017 Concorde Film
 
Geschehnisse aktueller denn je
 
Trotz aller Intensität, die "Detroit" im Mittelteil entfaltet, drängt sich die Frage auf, warum keiner der Anwesenden die harmlose Startpistole erwähnt und so versucht, die Lage zu beruhigen. Ein erzählerischer Schwachpunkt, der das Thriller-Drama jedoch nicht ins Wanken bringt. Wünschenswert wäre es allerdings gewesen, wenn sich die Macher im dritten Akt noch mehr Zeit genommen hätten, um die Nachwirkungen der Ereignisse im Algiers Motel zu beschreiben. Immerhin kommen auch hier Ungerechtigkeiten zum Vorschein, die einen schlichtweg sprachlos machen.
 
Erschütternd ist Bigelows neuer Spielfilm nicht zuletzt, weil er dem Betrachter deutlich vor Augen führt, dass die Geschehnisse in Detroit, obschon sie fünfzig Jahre zurückliegen, nichts von ihrer Dringlichkeit verloren haben. Immer wieder gibt es heutzutage Berichte von brutalen Übergriffen weißer Polizisten auf schwarze Menschen. Und nicht nur in den USA, auch in Europa sind rassistische Bewegungen wieder auf dem Vormarsch. Insofern könnte "Detroit" aktueller nicht sein.
 
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Fazit
 
Weitestgehend intensives historisches Thriller-Drama, das den tief verwurzelten Rassismus in der US-Gesellschaft am Beispiel einer schrecklich aus dem Ruder gelaufenen Polizeiaktion während der Detroit-Unruhen im Jahr 1967 offenlegt.
 
 
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