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***Freeheld***

fh kritik
 
Autor: Tim Prahle
 
Am 26. Juni 2015 ging eine Entscheidung des Supreme Court um die Welt. Das höchste Gericht der Vereinigten Staaten garantierte jedem US-Bürger das Recht zu heiraten – auch gleichgeschlechtlichen Paaren. Eine historische Entscheidung. Bereits zehn Jahre zuvor wurde in New Jersey ein erster Schritt zu dieser Entscheidung gemacht.
 
Eine moderne Tragödie mit gesellschaftlichen Folgen
 
Das erste Aufeinandertreffen von Laurel Hester (Julianne Moore) und Stacie Andree ist eher zufällig und die beiden auf den ersten Blick keine Protagonisten für eine gemeinsame Beziehung. So, wie es in vielen berührenden Liebesgeschichten der Fall ist.

Die Polizeikommissarin Laurel lebt seit über 20 Jahren faktisch nur für ihren Job ohne Privatleben. Sie ist ehrgeizig und kompromisslos in der Ausübung ihres Jobs. Ihre Homosexualität hat sie vor den Kollegen nie thematisiert. Stacie Andrews, wesentlich jünger und im Umgang mit ihrer Homosexualität offener, ist als Automechanikerin in dem von Männern dominierten Berufsfeld dafür auch häufiger Intoleranz oder Diskriminierung ausgesetzt.
 
Doch die beiden kommen dennoch zusammen und leben privat den klassischen amerikanischen Traum. Ein Eigenheim mit Garten und Hund, dazu eine eingetragene Lebensgemeinschaft. Beruflich verschweigt Laurel all das, lediglich ihr Kollege Dane Wells (Michael Shannon) weiß ein wenig mehr über seine Partnerin.
 
Lange bleibt dem Paar das Glück aber nicht erhalten, denn Laurel erfährt, dass sie an Lungenkrebs im Endstadium erkrankt ist. Dem nahenden Tod vor Augen kämpft sie von da an für ihren letzten Wunsch: Stacie soll in dem Haus wohnen bleiben können und Laurels Pensionsansprüche auf sie übertragen werden. Bei Eheleuten kein Problem, doch bei eingetragenen Lebenspartnerschaften ein Novum. So beginnt für die Beteiligten ein langer Kampf.
 
 
Von der Dokumentation zur Liebesgeschichte

Die titelgebenden Freeholder sind im Staat New Jersey die jeweils regionale obere Instanz für alle Finanz- und Eigentumsfragen. Das sogenannte „Board of chosen Freeholders“ im Film bestehend aus vier Männern, fürchtet die Unantastbarkeit der Ehe und so reiben sich Laurel, Stacie und ihre Unterstützer lange daran auf. Eine gängige Ablehnungsrhetorik, die auch von konservativen Politikern in Deutschland gerne verwendet wird: „Wenn wir allen Menschen erlauben, zu heiraten, wen sie möchten, beschmutzen wir den heiligen Begriff der Ehe zwischen Mann und Frau.“ Das Drama „Freeheld“ zeigt erneut auf, wie unsinnig es eigentlich ist, Menschen etwas zu geben, was diese sich wünschen, ohne jemand anderem etwas tatsächlich wegzunehmen.
 
Doch der Film ist keineswegs lediglich ein historisches Drama, es ist vor allem – das betonen alle Verantwortlichen regelmäßig – die Nacherzählung einer Liebesgeschichte, die zum Politikum wurde.
 
Das erste Mal über die Grenzen New Jerseys hinaus, erlangte sie Aufmerksamkeit durch einen Kurzfilm von Cynthia Wade. Der Kurzfilm, ebenfalls mit dem Titel „Freeheld“ versehen, erhielt einen Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentar-Kurzfilm“ und wurde so landesweit Gegenstand von Titelseiten und Fernsehsendungen.

Als später die Überlegungen aufkamen, die Geschichte in einen Spielfilm umzuwandeln, zeigte sich nicht zuletzt Ellen Page, ihres Zeichens auch Filmemacherin von der Idee begeistert: „Ich bewundere einfach zutiefst, was Laurel und Stacie getan haben, Das war unglaublich mutig und die wenigsten Menschen wären so weit gegangen wie sie“, erklärte sie ihre Bereitschaft, den Film mit zu produzieren.
 
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Steve Carell als besonderes Element
 
Julianne Moore (u.a. Still Alice, 2014; Mocking Jay, Teil 2, 2015) und Ellen Page (u.a. Juno, 2007; Inception, 2010) in den Hauptrollen tragen diesen Film verantwortungsvoll. Die Chemie zwischen den beiden stimmt auf Anhieb und sie schaffen es, Laurel und Stacie als für Gerechtigkeit kämpfende Privatpersonen darzustellen, ohne sie unnötig zu heroisieren.
 
Keine von beiden wollte anfangs diese gesellschaftliche Aufwertung als solche erfahren, Laurel wollte, dass Stacie nach ihrem Tod versorgt ist. Stacie kämpft – und das geht bei der bloßen Nacherzählung gerne unter – mit dem nahenden Tod ihrer großen Liebe.
 
Dass diese menschliche Seite, dieses persönliche Drama, nicht im historischen und gesellschaftlichen Kontext untergeht, ist eine Leistung, für die man Regisseur Peter Sollett und Drehbuchautor Ron Nyswaner großen Respekt zollen muss.
 
Allerdings verliert sich der Film auch gleichzeitig in genau diesem Wechsel zwischen der persönlichen Geschichte der Liebenden und dem Prozess vor den Freeholders. Die Geschichte ist tragisch und erregt Mitgefühl, doch diese Stimmung über den gesamte Zeit aufrechtzuerhalten hätte ein schwieriges Unterfangen werden können.
 
Gerade noch rechtzeitig taucht Steve Carell (u.a. The Big Short, 2015) als der exzentrische Aktivist Steve Goldstein auf und hebt die Stimmung. Bei den Hauptfiguren, wie auch bei den Zuschauern. Dieser Kniff rettet den Film, der sonst in seiner eigenen Melodramatik ertrunken wäre.
 
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Fazit
 
So wurde ein Film geschaffen, der tatsächlich ein breites Publikum erreichen kann. Er schwingt nicht mit der Moralkeule, sondern zeigt die Ungerechtigkeit, die heute noch viel zu vielen Menschen (beschämender Weise auch in Deutschland) widerfährt, anhand von Tatsachen auf.
 
Namenhafte und großartig spielende Stars, eine Drehbuch mit der richtigen Sensibilisierung und nicht zuletzt die Musik von Großmeister Hans Zimmer machen den Film zu einem bemerkenswerten Stück der jüngeren Geschichte.

Auch der Zeitpunkt seines Erscheinens kann als glücklich erachtet werden. Denn nachdem in einer der größten Volkswirtschaften der Welt, den USA, die Ehe bereits für alle legalisiert wurde, viele andere Nationen mit dieser Entscheidung dennoch weiter hinterherhinken.
 
Ein paar Jahre früher hätte dieser Film die Diskussion neu entfacht, so ist er eher ein zeitbezeugendes Element, das auch dem letzten Verbohrten aufzeigt, dass der Weg, den die gesellschaftliche Welt langsam aber stetig beschreitet, der richtige ist.
 
 
 
 
 
 
 
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