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*** Ein Gauner & Gentleman ***


egug kritik
 
Autor: Walter Hummer
      
Robert Redford macht in seinem letzten Film als Schauspieler, das was er seit Jahrzehnten immer gemacht hat und gut kann. Über Drehbuchautor und Regisseur David Lowery lässt sich das leider nicht sagen.
 
Diese Geschichte ist größtenteils wahr
 
Der Bankräuber Forest Tucker (Robert Redford) bleibt auch im hohen Alter aktiv. Zusammen mit seinen ebenfalls im Rentenalter befindlichen Komplizen überfällt er regelmäßig Banken. Nach einem Bankraub lernt er die rüstige Rancherin Jewel (Sissy Spacek) kennen und verliebt sich in sie. Einige Zeit später überfällt Forest eine Bank, während der Polizeibeamte John Hunt (Casey Affleck) nichtsahnend als Kunde anwesend ist. Kein Wunder, wenn es Hunt nun ein persönliches Anliegen ist, die Rentnerbande zu schnappen.
 
In den USA, wo „The old man and the gun” bereits vor einem halben Jahr angelaufen ist, haben die Kritiker Lobgesänge auf die schauspielerische Leistung des Hauptdarstellers Robert Redford angestimmt. Und natürlich kann Redford auf eine lange, beeindruckende Karriere zurückblicken. Nur um das für die jüngeren Leser kurz ins rechte Licht zu rücken.
 
 
Redford hatte seinen ersten Welterfolg mit „Zwei Banditen“ im Jahr der ersten Mondlandung. Um die Zeit als Willy Brandt von Helmut Schmidt als deutscher Bundeskanzler abgelöst wurde, war Redford einer der größten Stars in Hollywood. Und noch bevor Helmut Kohl sein Amt antrat, hatte Redford bereits einen Oscar für die beste Regie verliehen bekommen. Den Ehren-Oscar für sein Lebenswerk hat er 2002 erhalten, also ungefähr zu der Zeit als der erste iPod verkauft wurde. Das alles ist beeindruckend. Aber was hat das mit seiner Leistung in „Ein Gauner & Gentleman“ zu tun?
 
Nicht viel. Denn Redford tut in dem Film das was er in einigen hervorragenden, vielen heute vergessenen und manchen mittelmäßigen Filmen schon so oft getan hat. Er schaut der weiblichen Hauptdarstellerin tief in die Augen, schenkt den Nebendarstellern eines der strahlendsten Lächeln der Filmgeschichte und gibt ganz allgemein einen sympathischen Helden ab. Das wäre alles so weit so gut, wenn es bloß zur Rolle passen würde. Oder auch nur zum Film.
 
The old man and his films
Das Drehbuch von David Lowery („Elliot der Drache“) ist sicher gut gemeint, aber nicht besonders gut geschrieben. Und als Regisseur schafft es Lowery nicht, die Geschichte zu verbessern. Am besten erkennt man das an der Figur des von Casey Affleck gespielten Polizeibeamten John Hunt. Dieser John Hunt ist den größten Teil des Filmes unrasiert und mies drauf. Wir sehen diesen Mann buchstäblich in jeder Szene gleichermaßen unrasiert. Und in fast jeder Szene ist er mies drauf. Vermutlich hat David Lowery viele Filme gesehen in denen Polizisten unrasiert und mies drauf sind.
 
Dummerweise hat Lowery nie erkannt, dass man als Drehbuchautor Gründe finden muss, warum eine Figur sich nicht um ihre äußere Erscheinung kümmert und emotional nicht positiv gestimmt ist. Dieser John Hunt ist aber glücklich mit einer bildhübschen, jungen Frau verheiratet, die sich um ihn sorgt, ihn unterstützt und sich kein einziges Mal beschwert, wenn er spätnachts heimkommt. Seine beiden Kinder sind wahre Engel. Der Sohn schreibt einen Genesungsbrief an den Präsidenten und die Tochter führt mit dem Vater philosophische Gespräche über seine Arbeit. Warum also ist diese Figur immer mies drauf? Und würde die Frau nicht dafür sorgen, dass der Mann sich wenigstens ab und zu rasiert? Der Film hat auf keine der beiden Fragen eine Antwort.
 
01 ©2019 Eric Zachanowich DCM02 ©2019 Eric Zachanowich DCM03 ©2019 Eric Zachanowich DCM04 ©2019 Eric Zachanowich DCM
 
Auch bei der Liebesgeschichte zwischen dem alternden Bankräuber und der von Sissy Spacek gespielten Jewel versagt Lowery sowohl als Drehbuchautor als auch als Regisseur. Diese Jewel wird von Spacek im Film viel zu intelligent gespielt, um tatsächlich so dumm zu sein, wie es das Drehbuch verlangt. Es hätte sich also der Drehbuchautor beim Schreiben der Figur mehr Mühe geben müssen oder der Regisseur hätte seiner Hauptdarstellerin erklären müssen, was für eine dumme Person sie zu spielen hat.
 
Aber die Figur der Jewel ist nicht nur dumm geschrieben. Diese Rolle und alle Handlungselemente die mit ihr zu tun haben, wirken unfertig und nicht zu Ende gedacht. Diese Frau ist über sechzig Jahre alt, die Kinder sind längst aus dem Haus, ihre Ranch ist aber nicht abbezahlt. Warum das so ist, erfahren wir nicht. Das Paar lernt einander kennen, weil Jewels alter Pickup eine Panne hat. Am Ende des Films fährt Jewel aber einen neuen Mercedes. Sollen wir annehmen, Jewel hätte etwas von Tuckers Beute abbekommen? Das würde nicht nur nicht zu ihrem Charakter passen. Es wäre auch praktisch unmöglich, weil die Behörden sie sicher überwacht hätten.
 
Vieles an der weiblichen Hauptfigur ergibt einfach keinen Sinn. Und auch bei der Romanze zeigen sich wieder die Schwächen von Drehbuch und Regie. Das erste Treffen des Paares in einem Restaurant ist so schnell geschnitten, dass sich unmögliche eine romantische Stimmung entwickeln kann. Spaceks Figur kann sich für den Bankräuber offensichtlich bloß deshalb erwärmen, weil er von Robert Redford gespielt wird.
 
Und damit sind wir wieder bei der Hauptfigur. Der Held dieses Films ist kein Held. Und er ist kein Gentleman. Tatsächlich zeigt er verstörende Verhaltensweisen. Er hat Frau und Kinder vor langer Zeit im Stich gelassen, ohne je zurückzublicken. Er belügt seine Angebetete vom ersten Moment an. Später überredet er sie zu einem Diebstahl. Und er überfällt Banken, ohne auf das Geld angewiesen zu sein. Dieser „Held“ kann nur aus einem einzigen Grund als solcher wahrgenommen werden: weil er von Robert Redford dargestellt wird.
 
Robert Redford ist der Held, weil er in den mehr als Fünfzig Jahren seiner Karriere immer der Held war. Barbara Streisand hat sich in „So wie wir waren“ in einen recht oberflächlichen Snob verliebt. Faye Dunaway hat sich in „Die drei Tage des Condors“ in den Mann verliebt, der sie entführt hat. Warum? Weil diese Männer von Robert Redford gespielt wurden. Als Meryl Streep aus dem Zugfenster sah, hat nicht nur sie sich in den großen weißen Jäger verliebt, sondern Generationen von weiblichen Filmfans mit ihr. Jane Fonda hat sich bereits dreimal in Männer verliebt, die von Redford dargestellt wurden. Und wen wundert’s?
 
Wenn Redford seine Filmpartnerinnen zum ersten Mal ansieht, verschiebt er immer seinen Unterkiefer auf diese ganz besondere Art, wie nur er es kann. Würde ich oder ein anderer Mann das probieren, ginge jede Frau von Zahnschmerzen aus. Bei Redford würde sie dahinschmelzen. Vielleicht liegt es auch nicht nur am Unterkiefer. Der Blick aus diesen ganz besonders strahlenden Augen ist sicher auch hilfreich.
 
Nun ist Redford aber mittlerweile deutlich über Achtzig Jahre alt. Und in seinem neuen Film ist das mehr als offensichtlich. Man muss sich fragen, ob viele Kritiker und Kinofans tatsächlich die Leistung des Schauspielers Redford in diesem Film sehen oder nicht doch eher die gesammelten Leistungen der Legende Redford in all den Filmen seiner langen Karriere vor Augen haben.
 
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Zwei Banditen, der Clou und Carrie…?
 
Es scheint also vielen Kritikern und Filmfans schwerzufallen, Redfords darstellerische Leistung in diesem Film getrennt von seiner Karriere zu betrachten. Offensichtlich ging es Regisseur und Drehbuchautor Lowery ähnlich. Der ganze Film ist eine lange Reihe meist ungeschickter Referenzen an Redfords frühere Erfolge. Das Insert zu Beginn des Films wurde aus „Zwei Banditen“ gestohlen … ähm, … „entlehnt“. Die hineingeschnittenen Szenen noch früherer Filme Redfords passen kein bisschen zum zeitlichen Rahmen des Films. Wenn Casey Afflecks Figur sich wie die Bandenmitglieder in „Der Clou“ an die Nase tippt, ergibt das dann auch keinen rechten Sinn mehr.
 
Aber Lowery reicht es offenbar nicht, alte Filme Redfords zu zitieren. Eine Rückblende auf einen früheren Überfall Tuckers zitiert den Film „Asphaltrennen“ von 1971, mit dem Redford gar nichts zu tun hatte. Und in einer Szene leuchtet Sissy Spaceks Gesicht rot im Licht eines Bremslichts auf, obwohl sie zehn Meter seitlich vom Fahrzeug steht und nicht dahinter. Warum sich Lowery zu dieser Referenz auf „Carrie“ entschlossen hat, ist ein Rätsel. Wenn die Rolle an Jessica Lange gegangen wäre, hätten wir an der Stelle wohl einen riesigen Affen zu sehen bekommen.
 
Zuletzt noch ein Hinweis für den deutschen Verleih: Der englische Originaltitel des Films „The old man and the gun“ ist eine Reminiszenz an einen von Ernest Hemingways berühmtesten Romanen. Der deutsche Verleihtitel „Ein Gauner & Gentleman“ erinnert nur echte Filmnerds an einen von Richard Geres frühen Filmen, der mit diesem hier rein gar nichts zu tun hat. Dann begehen die Autoren der deutschen Synchronfassung auch noch den weitverbreiteten Fehler, Menschen einander viel zu lange mit „sie“ ansprechen zu lassen. Wir merken uns: spätestens nach dem ersten Date duzen einander die Leute im echten Leben doch meistens. Wenn ein Paar einander nach dem ersten Kuss noch immer siezt, klingt das irgendwie gekünstelt. Und wenn die Leute dann nach mehreren Wochen immer noch „per Sie“ sind, ist das einfach nur schräg.
 
Fazit
 
Wenn Robert Redford mit deutlich über achtzig Jahren noch einmal das macht, was er seit Jahrzehnten immer gemacht hat und gut kann, dann ist das nett anzusehen, mehr aber auch nicht. Leider bieten Drehbuch und Regie nicht den passenden Rahmen für diese Abschiedsvorstellung.
 
 
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