*** Träume sind wie wilde Tiger ***

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*** Träume sind wie wilde Tiger ***


 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Deutsche Kinderfilme sind selten originell. Das meiste hat man so oder so ähnlich schon mal gesehen. Aber wann hat man schon mal einen Bollywood-Culture-Clash-Kinderfilm gesehen?
 
Man muss weg, um zurückzukommen
 
Der zwölfjährige Ranji lebt in Mumbai. Er liebt seinen Großvater Daada und verehrt sein Idol, den Bollywood-Star Amir Roshan. Aber sein Vater bekommt in Deutschland einen Job als Risikoanalytiker angeboten und kurz darauf sitzt Ranji mit seinen Eltern im Flugzeug in ein fremdes Land und muss seinen Opa alleine zurücklassen. Und dann ergibt sich noch die Chance, an einem Casting für einen Film mit Amir Roshan teilzunehmen. Aber wie soll Ranji ganz allein nach Mumbai kommen?
 
Viele deutsche Kinderfilme kann man in eine von drei Kategorien einteilen: billige Kopien international erfolgreicher Animationsfilme (z.B. „Drachenreiter“), Realfilme über Halbwüchsige mit magischen Fähigkeiten (z.B. „Vier zauberhafte Schwestern“) und über die vielen Filme mit halbwüchsigen Detektiven kann man schon mal den Überblick verlieren („Die Pfefferkörner“, „Fünf Freunde“, „Drei Fragezeichen“, „Drei Ausrufezeichen“, „Die drei Kommata gegen die vier Semikola“ und so weiter und so fort). Da ist es doch erfrischend, wenn ein deutscher Kinderfilm mal ein originelles Konzept hat.
 
 
Bollywood und Culture Clash sind Themen die bisher in deutschen Kinderfilmen kaum oder gar nicht behandelt wurden. Aber auch Handlung gestaltet sich anders als in vergleichbaren Filmen für das junge Publikum. Der Held muss hier nicht lernen, mit seinen Zauberkräften umzugehen oder irgendwelche Verbrechen aufklären. Ranji vermisst seinen Opa, muss mit Mobbing in der neuen Schule zurechtkommen und mit einem Vater, der kein Verständnis für seine Träume hat. Das alles sind Themen, die Kindern zwischen 8 und 14 Jahren vielleicht gar nicht so fremd sind.
 
Und ganz ohne Hexen oder Magier feiert dieser Film die Macht und die Wichtigkeit der Fantasie. Wenn Ranji in bester Bollywood-Manier singt und tanzt, bildet das einen gefälligen Gegensatz zu seinem Alltag in einem fremden Land. Es vermittelt dem Publikum aber auch, Träume sind keine Flucht aus der Realität. Sie sind eine großartige Methode, die Realität zu verarbeiten und mehr zu sehen, neue Möglichkeiten zu erforschen. Wer keine Fantasie hat und nur die Realität sieht, dessen Welt ist furchtbar klein.
 
01 ©2022 Wild Bunch Germany02 ©2022 Wild Bunch Germany03 ©2022 Wild Bunch Germany04 ©2022 Wild Bunch Germany
 
Bollywood ist überall (Achtung! Spoiler!)
 
Das Zielpublikum wird hier besser und vor allem anders unterhalten als von den meisten deutschen Kinderfilmen. Erwachsenen Filmfans wird auffallen, wie der Film leider etwas hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Die Drehbuchautor*innen Ellen Schmidt, Sathyan Ramesh, Lars Montag und Murmel Clausen haben bisher vor allem für das Fernsehen geschrieben. Clausen hat unter anderem mehrere Drehbücher für „Tatort“ geschrieben und Regisseur Lars Montag hat auch einige „Tatorts“ inszeniert. Wir erinnern uns: „Tatort“ ist diese Krimireihe für Leute, die eigentlich keine Krimis mögen und in der gerne wichtige gesellschaftliche Themen angerissen werden, um damit von der Lächerlichkeit der Krimihandlung abzulenken.
 
In „Träume sind wie wilde Tiger“ geht es um Themen wie Entwurzelung und Integration, Mobbing und Rassismus aber auch darum, was die Trennung der Eltern für ein Kind bedeutet. Aber der Film wird keinem dieser Themen auch nur halbwegs gerecht. Diese schwierigen und teilweise heiklen Problembereiche bilden nur Handlungselemente und werden auch sofort fallengelassen, sobald sie nicht mehr gebraucht werden.
 
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Die getrennten Eltern von Ranjis Freundin kommen rechtzeitig zum Ende des Films wieder zusammen weil es sonst kein Happy-End gäbe, nicht etwa weil es Sinn ergeben würde. Ranjis Vater sieht plötzlich alles ein. Ranjis Traum erfüllt sich genauso wie er es haben wollte, aber was das für die weitere Zukunft bedeutet, wird nicht bedacht. Der Opa in Indien war zwar schon die ganze Zeit alt und krank, das ist aber plötzlich kein Thema mehr. Und ganz allgemein lassen wir alles Unangenehme einfach unter den Tisch fallen, obwohl der kleinkriminelle Mitschüler sicher weiter die gleiche Schule besucht und der rassistische Hausmeister ja wohl auch weder umziehen noch plötzlich Verständnis für fremde Kulturen entwickeln wird.
 
Auch die Regie von Lars Montag erinnert leider an „Tatort“. In einem Film, der die Fantasie feiert, fallen gerade die wichtigen Musiksequenzen ein bisschen zu bieder, zu langweilig aus. Bollywood-Musiknummern sind bunt, wild, ausgelassen, schräg und immer übertrieben. Montag bringt nur wenig davon auf die Leinwand. Die „realen“ Szenen weisen leider ein paar Klischees zu viel auf für einen Film, der Verständnis und offenen Umgang zwischen den Kulturen vermitteln will.
 
Einige Regieentscheidungen Montags sind schwer nachvollziehbar. Warum kommt die indische Familie zum Beispiel auf einem „Flughafen“ an, der offensichtlich die Außenseite des Berliner Olympiastadions ist. Sicher, das Olympiastadion ist wunderschön. Aber zum einen ist es historisch nicht ganz unbelastet und zum anderen nun mal eben ein Stadion und kein Flugplatz. Wenn Berlin etwas hat, dann doch wohl Flugplätze. Und spätestens wenn die Kinder im Film eine entsprechende Bemerkung machen, muss auffallen, wie wenig Menschen im Mumbai dieses Films zu sehen sind. Und warum darf ausgerechnet Roberto Blanco zur Integration ermahnen?
 
Die indischen Männer, die können tanzen
 
Aber das sind alles Punkte, die vor allem erwachsene Filmfans verwirren werden. Kinder werden gut unterhalten und können sich mit den beiden Hauptdarstellern vermutlich gut identifizieren. Der junge Shan Robitzky tanzt und singt sich sympathisch durch seine erste Filmrolle. Und Annlis Krischke zeigt Ecken und Kanten als seine Freundin Toni.
 
Murali Perumal hat am Reinhardt-Seminar Schauspiel studiert und in unzähligen Theater-, Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt. Mit einem besseren Drehbuch und unter besserer Regie hätte er wohl noch mehr aus der Rolle von Ranjis Vater gemacht. So vermittelt er uns vor allem den Willen zu wirtschaftlichem Aufstieg und Integration. Das lässt seine plötzliche Einsicht gegen Ende des Films leider etwas aufgesetzt wirken.
 
Sushila Sara Mais („Safari“) und Anne Ratte-Polles („Es gilt das gesprochene Wort“) Rollen als Mütter sind bloße Klischees. Die beiden begabten Darstellerinnen machen das Beste daraus. Den vielseitigen, erfahrenen Schauspieler Simon Schwarz kennen die meisten leider nur aus den viel zu vielen Rita-Falk-Verfilmungen wie „Butterbreznwalzer“ oder „Leberknödeltragödie“. Auch er schlägt sich wacker, aber weit unter seinen Möglichkeiten.
 
Der großartige Irshad Panjatan war jahrzehntelang der berühmteste Pantomime Indiens, bevor er vor mehr als zwanzig Jahren in „Der Schuh des Manitu“ den Häuptling „Listiger Lurch“ spielte. Seine Darstellung von Ranjis Großvater bildet das emotionale Zentrum dieses Films. In seinen wenigen Szenen spielt der mittlerweile über Neunzigjährige mit einer gelassen Weisheit den Rest der Besetzung an die Wand.
 
Fazit
 
Ein unterhaltsamer Kinderfilm mit originellem Konzept. Erwachsene Begleitpersonen müssen über das dann doch leider recht konventionelle Drehbuch und die bestenfalls passable Regie hinwegsehen.
 
 
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