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Kritik: Lieber Kurt

 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Til Schweiger ist einer der erfolgreichsten Filmemacher Deutschlands. Bei der Kritik fallen seine Filme regelmäßig durch. Dabei gibt Schweiger sich so viel Mühe. Das sieht man auch an seinem neuen Film ...
 
Take on me
 
Kurt (Til Schweiger) und Lena (Franziska Machens) ziehen gemeinsam von Berlin in ein altes Haus in der brandenburgischen Provinz. Also nicht in ein richtiges altes Haus mit Schimmel und ungenehmigten Anbauten , sondern in eine Fantasieversion eines alten Hauses, das zwar ein potthässliches Badezimmer hat, das man aber innerhalb eines Nachmittags sauber und bewohnbar bekommt.
 
Und sie ziehen nicht tatsächlich in die brandenburgische Provinz, sondern in eine Fantasieversion davon, wo die Nachbarn weder Neonazis noch Bauern sind, die zweimal täglich Gülle aufs Feld nebenan kippen, weil ihre Mastrinder durchs viele Kraftfutter so viel .... Nein, in dieser brandenburgischen Provinz hat man den freundlichen, verständnisvollen Heiner Lauterbach als Nachbarn, der einen sogar dreckige Wäsche in seiner Waschmaschine waschen lässt. Auf der anderen Seite wohnt niemand.
 
Kurt und Lenas Renovierung geht zügig voran. Vor allem weil die beiden arg fleißig sind. Ihr Arbeitstag besteht aus im Feld vögeln, sich gegenseitig mit Wandfarbe anmalen und dabei lachen, Wein trinken und lachen, auf einem Steg knutschen, ins Wasser fallen, darüber lachen und im Wasser vögeln und mit Wein, Trauben und Baguette im Haus picknicken. So ist das Haus rasch instand gesetzt. Nur das Badezimmer und die Waschmaschine werden nicht repariert, weil die Kurt und Lena das Drehbuch gelesen haben und wissen, wie wichtig beides später noch sein wird.
 
 
Die ersten fünfundzwanzig Minuten des Films wirken also wie die längste Bausparwerbung der Welt, wenn man von dem vielen Rumgevögel des Paares absieht. Dieses beschauliche Bild rundet der stets fröhliche, blitzgescheite, witzige und zuckersüße Sohn aus Kurts erster Ehe ab. Kurts Ableger heißt ebenfalls Kurt, wird meistens Kurti gerufen und kann mehr quietschlustige Witze erzählen als im realen Leben irgendjemand hören möchte. Ein paar beschauliche Bilder, einige Peniswitze und ein plumpes Merces Benz-Product Placement später kommt es aber zu einer Tragödie ...
 
Til Schweiger ist, soweit ich weiß, der einzige Filmemacher weltweit, der seine Filme nicht in allgemeinen Pressevorführungen zeigen lässt. Nur einige wenige ausgewählte Kritiker dürfen seine Filme vor dem Start sehen. Dass uns von fantasticmovies.de diese Ehre widerfahren ist, kann ich immer noch nicht recht glauben. Bisher haben wir zu den vielen Kritikern gehört, von denen sich Schweiger nicht verstanden fühlte und die daher seine Filme nicht gezeigt bekamen.
 
Aber vielleicht ist es Schweiger, dem es an Verständnis fehlt? Ich habe Sarah Kuttners literarische Vorlage „Kurt“ nie gelesen. Aber ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass Regisseur und Co-Drehbuchautor Schweiger den Roman nicht recht verstanden hat. Sarah Kuttners Buch könnte so einiges gewesen sein. Vielleicht war es die Geschichte eines Paares, das auf unterschiedliche Weise mit einem schmerzhaften Verlust umgehen lernen muss. Vielleicht war es auch ein Buch über eine liebende Frau, die lernen muss nicht in der Trauer ihres Mannes verlorenzugehen. Vielleicht geht es in dem Roman auch um ganz was anderes.
 
Ich kann mir aber beim besten Willen nicht vorstellen, dass Sarah Kuttner 240 Seiten über einen krankhaften Egozentriker geschrieben hat, der sich nicht nur selbst in Selbstmitleid ersäuft sondern auch noch die Frau die ihn liebt mit in die Tiefe reißt. Aber genau diese Geschichte erzählt der Film „Lieber Kurt“. Til Schweiger hat die Vorlage nicht verstanden und daher aus einer Geschichte über Verlust und Trauer und dem Umgang mit beidem einfach einen Til-Schweiger-Film gemacht.
 
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Der größte Teil des Films ist eine Ansammlung der lächerlichsten Klischees der Filmgeschichte. Die Handlung des Films erstreckt sich wohl über ein ganzes Jahr. Trotzdem ist es in der Welt dieses Films immer strahlender Sommer. Außer natürlich bei einer Beerdigung. Da regnet es und sämtliche Trauergäste stehen unter identischen schwarzen Regenschirmen. Aber damit nicht genug der Klischees. Wer am Telefon eine furchtbare Neuigkeit erfährt, fragt nicht nach Details oder lässt den anderen das Gesagte wiederholen. Nein, er lässt einfach das Handy fallen. Wer ein Alkoholproblem hat, trinkt auch im 21. Jahrhundert noch aus dem Flachmann. Wer sich gehen lässt, dem wächst ein furchtbar unecht wirkender Bart. Und die Leute, die dem unglücklichen Paar das Traumhaus abkaufen wollen sind natürlich dumme Armleuchter.
 
Klischees bekommt man auch im Dialog geboten. Wie oft haben wir im Film den Vater schon zum erwachsenen Sohn folgendes sagen hören? „Ich hab Dir das nie gesagt. Aber ich bin stolz auf Dich.“ Hundertmal? Tausendmal? Öfter? Und dieses Klischee war immer lächerlich, weil miese Väter, die ihren Kindern nie gesagt haben, wie stolz sie auf sie sind, damit auch in Krisenzeiten nicht plötzlich anfangen. Aber unpassender als in „Lieber Kurt“ ist dieses Klischee noch nie eingesetzt worden, weil wir in diesem Film doch immer wieder gezeigt bekommen, was für ein großartiger Vater und noch großartigerer Großvater Kurts Vater ganz offensichtlich ist.
 
Take me on
 
Aber Til Schweiger reicht es nicht, uns jede Menge Drama-Klischees zu präsentieren. Schweiger ist ja auch ein Action-Star oder wäre zumindest gerne einer. Also muss sich der besoffene Kurt Senior auch noch minutenlang mit einer Überzahl von unfreundlichen und unsensiblen Kneipenbesuchern prügeln. Überflüssig zu sagen, dass Schweigers Kurt die Überzahl auch noch besiegt und nur feige hinterrücks niedergeschlagen werden konnte. Auch eine Szene mit einem führerlosen Auto ist weder witzig noch trägt sie zur Handlung bei, liefert aber Schweiger einen Vorwand für einen Stunt. Diesen Stunt braucht der Film zwar gar nicht und wir hätten ihn auch nicht gebraucht. Aber man hat das Gefühl, Schweiger hat diesen Stunt gebraucht. Und zwar unbedingt.
 
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Über Schweiger als Schauspieler nur so viel: er scheitert als Schauspieler nicht annähernd so eindeutig wie als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent. Als letzterer hat er die Besetzung von Peter Simonischek als Vater seiner Filmfigur zu verantworten. Damit hat Schweiger sich keinen Gefallen getan. Burgschauspieler Simonischek spielt Schweiger mit seiner linken Augenbraue an die Wand. Dass Simonischek eine Stimme wie steirisches Kernöl hat, hilft Schweiger mit seiner Stimme wie gelbe Limo auch nicht.
 
Die noch recht unbekannte Franziska Machens könnte möglicherweise eine durchaus begabte Schauspielerin sein. Um das zu beurteilen, müsste man sie einen echten Charakter oder wenigstens eine gutgeschriebene Rolle spielen sehen. Ihre Figur der Lena ist weder das eine noch das andere. Sie ist eine Abprallfläche für Kurts Selbstmitleid. Wenn man gegen eine Wand Tennis spielt, wird die Wand dadurch nicht zur Tennisspielerin. Wenn die Figur des Kurt seine Emotionen an der Figur der Lena abprallen lässt, wird aus dieser Figur dadurch kein Charakter.
 
Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen Film mit Jasmin Gerat gesehen zu haben. Ich kann daher nicht beurteilen, ob sie immer schon eine furchtbare Darstellerin war. In „Lieber Kurt“ ruiniert sie fast jede Szene in der sie zu sehen ist.
 
Marie Burchards Nebenrolle war das Beste an Detlev Bucks „Wuff“. Und auch hier hätte man gerne mehr von ihr gesehen. Heiner Lauterbach hat nur wenige Szenen als Nachbar. Das ist verständlich. Schweiger will sich ja nicht ständig an die Wand spielen lassen. Sarah Kuttner, die Autorin der literarischen Vorlage, ist in einer stummen Nebenrolle auf einer Beerdigung zu sehen. Das wirkt sehr passend, musste die arme Frau doch die Geschichte ihres Buches zu Grabe tragen.
 
Fazit
 
Til Schweiger hat sich wieder jede Menge Mühe gegeben. Aber weil er aus einem Drama um Verlust und Trauer einen Til-Schweiger-Film machen musste, war diese Mühe vergebens. Seine Fans werden ohnehin wieder für einen Erfolg sorgen.
 
 
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