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Kritik: Kleine Schmutzige Briefe

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Autor: Christopher Diekhaus
 
Einen Provinzskandal aus dem echten Leben nutzt Thea Sharrock („Ein ganzes halbes Jahr“), um Olivia Colman und Jessie Buckley eine große Bühne zu geben. „Kleine schmutzige Briefe“ hat sicher seine Schwächen, bleibt aber stets unterhaltsam.
 
Als Krimi Mittelmaß
 
Anonyme Briefe mit schwerwiegenden Anschuldigungen halten in Henri-Georges Clouzots Krimidrama „Der Rabe“ aus dem Jahr 1943 eine Provinzstadt in Atem, sorgen für immer neue Gerüchte und lassen eine Art Lynchstimmung entstehen. Diese bitter-düstere Bestandsaufnahme der französischen Gesellschaft unter deutscher Besatzung mag heute nur noch eingefleischten Cineasten ein Begriff sein.
 
Erstaunlich sind aber allemal die Parallelen zu Thea Sharrocks neuem Spielfilm „Kleine schmutzige Briefe“, der von einer ganz ähnlichen Hysterie erzählt. Beide Werke wurden von realen Ereignissen inspiriert und werfen nicht gerade ein positives Licht auf die menschliche Natur, den Hang zum Vorverurteilen und Ausgrenzen, der auch in unserer digitalen Gegenwart leider viel zu oft zum Vorschein kommt.
 
„Kleine schmutzige Briefe“ spielt in den 1920er-Jahren im englischen Küstenstädtchen Littlehampton, in dem die Dinge nach Ende des Ersten Weltkriegs eigentlich ihren ruhigen Gang gehen. Als mehrere Bürger jedoch anonyme Schreiben mit obszönen Beleidigungen erhalten, herrscht plötzlich helle Aufregung. Mittendrin: die fromme Edith Swan (Olivia Colman), die trotz fortgeschrittenen Alters noch mit ihren Eltern zusammenwohnt und einige besonders infame Briefe bekommen hat.
 
 
Schnell hat sie ihre kein Blatt vor den Mund nehmende Nachbarin Rose Gooding (Jessie Buckley) in Verdacht und teilt dies auch dem ermittelnden Beamten (Hugh Skinner) mit. Der Fall scheint klar, und der Beschuldigten droht der Knast. Doch dann begibt sich Gladys Moss (Anjana Vasan), die erste und einzige Polizistin des Ortes, auf Spurensuche. Denn ihr kommt das Ganze ziemlich merkwürdig vor.
 
Als Krimi, das muss man gleich vorausschicken, ist „Kleine schmutzige Briefe“ nicht gerade preisverdächtig. Zwei, drei böse Pointen hält das von Jonny Sweet verfasste Drehbuch bereit. Besonders raffiniert eingefädelte Überraschungen sucht man allerdings vergeblich. Dass das Rätsel und die Überführung auf mittlerem „Tatort“-Niveau liegen, ist aber gar nicht so dramatisch, da der Film mit anderen Qualitäten punkten kann.
 
Schauspielerisch mitreißend
 
Interessant ist etwa, wie das Schicksal dreier grundverschiedener Frauen mit einem bissig-kritischen Blick auf die damalige Gesellschaft verbunden wird. Edith, Rose und Gladys – sie alle ringen in einem patriarchalen System auf ihre eigene Weise um Anerkennung und Selbstbestimmung, wollen ausbrechen aus einem Rahmen, der weibliche Eigenständigkeit kategorisch unterdrückt. Frauen haben höflich zu sein, brav ihre Hausarbeit zu verrichten und werden bei Entscheidungen nicht gefragt. Ediths Vater Edward, von Timothy Spall lustvoll niederträchtig gespielt, ist ein Monster im Spießergewand, eine Verkörperung der Misogynie, des Rassismus und der Bigotterie, die in Littlehampton regieren.
 
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Dass Rose eine Tochter aus einer früheren Beziehung hat, nun mit einem schwarzen Mann zusammenlebt, aus Irland zugezogen ist und gerne derbe Sprüche raushaut, macht sie in den Augen vieler automatisch zur Schuldigen. Hassrede und Slutshaming halten wir manchmal für Phänomene unserer modernen Onlinezeitalters. Natürlich waren sie aber auch schon in der analogen Welt der 1920er-Jahre probate Mittel, um Menschen kleinzukriegen oder gar zu zerstören.
 
Was nach schwerer Kost klingt, bereitet Thea Sharrock erstaunlich launig auf, ohne in Belanglosigkeit zu verfallen. Von Anfang an hat die Musik etwas Verspieltes. Zahlreiche Dialoge triefen nur so vor Sarkasmus. Und wohl am wichtigsten für den Unterhaltungswert: Die Hauptdarstellerinnen füllen ihre Rollen mit Leben, verleihen dem Geschehen zusätzlichen Schwung. Anjana Vasan versieht Gladys mit einer zurückhaltenden Hartnäckigkeit, während sich Olivia Colman und Jessie Buckley ein aufregendes Duell liefern. Letztere verkörpert Rose mit einem Temperament, das uns immer wieder mitreißt.
 
Erstere beweist, dass sie überzeugend zwischen frommer Biederkeit, tiefer Verletzlichkeit und Bosheit wechseln kann. Gerade ihr Part hat es in sich, weil er von der Oscar-Preisträgerin eine so große Bandbreite verlangt. Dass der Film manchmal zu sehr ins Plakative rutscht, kann man ihm schon wegen der tollen Schauspielleistungen verzeihen.
 
Fazit
 
„Kleine schmutzige Briefe“ ist zuweilen etwas platt, dann aber auch wieder herrlich bissig und dank starker Darbietungen in den Hauptrollen keine Sekunde langweilig.
 
 
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