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Kritik: All of us Strangers

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Autor: Walter Hummer
 
Anspruchsvolle Dramen über schwierige Familiendynamiken und die Probleme, in der modernen Welt Liebe zu finden sind nicht selten. Aber wie oft sprechen uns solche Filme denn wirklich emotional an?
 
Dreams are like angels, they keep bad at bay …
 
Sonnenaufgang über London. Adam lebt in einem neuen Hochhaus, in dem bisher außer seiner bloß eine einzige weitere Wohnung bewohnt scheint. Abends klingelt der Nachbar namens Harry betrunken an seine Tür. Adam lehnt Harrys Einladung zu einem gemeinsamen Abend freundlich ab. Er besucht das Haus seiner Kindheit in einem Vorort. In der Nähe des Hauses trifft er seinen Vater, der jünger zu sein scheint als Adam selbst. Im Haus treffen sie Adams Mutter, auch sie eine junge Frau in ihren Dreißigern. In den folgenden Tagen kommen sich Adam und Harry näher und Adam besucht seine Eltern noch öfter ...
 
Die Beziehung zu unseren Eltern wird immer die wichtigste in unserem Leben bleiben. Ob und wie unsere Eltern uns lieben oder ablehnen, bestimmt wie wir den Rest unseres Lebens erfahren und bestreiten werden. Die Beziehung zu unseren Eltern ist und bleibt die erste Beziehung unseres Lebens. Wie diese Beziehung geführt wird, wird Einfluss darauf nehmen, wie wir andere Beziehungen führen. Wie liebevoll sie ausfällt, bestimmt wie wir lieben.
 
 
Wenn wir viel Glück haben, können wir mit unseren Eltern über wichtige Themen des Lebens sprechen. Aber entweder sind wir während dieser Gespräche noch Kinder oder Jugendliche während unsere Eltern als junge Erwachsene mit der Elternrolle ausgefüllt sind und uns noch zu erziehen haben. Oder, wenn wir diese Gespräche später führen, sind wir Erwachsene und führen diese Gespräche mit älteren Erwachsenen und die Zeit als die Weichen gestellt wurden, ist längst vorbei.
 
Regisseur und Drehbuchautor („Lean on Pete“) Andrew Haigh macht in seinem neuen Film seiner Hauptfigur (und damit auch dem Publikum) ein wunderbares Geschenk. Der längst erwachsene Adam darf mit den Eltern seiner Kindheit sprechen. Ich möchte unsere Leser*innen bitten, kurz über diese Möglichkeiten nachzudenken. Wie wäre es für uns, als Erwachsene mit unseren jungen Eltern über Themen aus unserer Kindheit zu sprechen?
 
Gleichgültig wie gut oder schlecht die Beziehung jetzt als Erwachsene zu unseren mittlerweile deutlich älteren Eltern sein mag oder ob diese noch leben oder nicht. Wie wäre es, wenn nicht ein Erwachsener mit einem deutlich älteren Erwachsenen spräche? Wenn wir selbst in unseren Dreißigern, Vierzigern oder was auch immer wären und keine altersmüden Einsichten oder Eingeständnisse unserer Eltern als Senioren bekämen, sondern mit unseren Eltern in ihren Dreißigern oder Vierzigern sprechen könnten? Wie anders wäre die Qualität dieser Gespräche?
 
Haigh lässt die Hauptfigur Adam stets erwachsen und vor allem in Gegenwart seiner Eltern trotzdem Kind sein. Denn wie Adam auch, „waren“ wir nicht einfach irgendwann einmal Kinder. Wir alle „sind“ immer noch Kinder. Wir sind natürlich noch vieles andere. Wie Adam im Film sind wir alle Erwachsene, Suchende nach Liebe, Liebhaber, und vieles mehr. Wir sind Freunde, wird sind vielleicht selbst Eltern, ... Aber Kinder waren und bleiben wir immer. Kinder sind und waren wir länger als alles andere.
 
Als Filmkritiker suche ich seit Jahrzehnten das Besondere in jedem Film. Als Kind suche ich noch viel länger die Geborgenheit und das Verständnis liebender Eltern. „All of Us Strangers“ bietet für anderthalb Stunden beides. Natürlich bietet der Film auch Schmerz, Verlust und Einsamkeit. Dieser Film spielt, „Was wäre wenn ...“ und wir alle wissen, das ist ein Spiel bei dem man nur verlieren kann. Aber dieser Film bietet auch so viel Liebe, so viel Verständnis, so viel Einsicht, so viel nackte, bloße Menschlichkeit, dass ich allen Leser*innen nur dringend raten kann, diesen Film so bald als möglich zu erfahren.
 
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Love is the light, scaring darkness away ...
 
Andrew Haigh serviert uns all diese schönen und schmerzhaften Emotionen in unaufgeregt schönen Bildern. Sein Einsatz von Licht und Schatten wirkt nie „künstlerisch“. Wie zufällig untermalen und betonen einfallende Sonnenstrahlen oder die Dunkelheit eines modernen Apartments die Gefühle der Hauptfigur. Dieser Film vermittelt Emotionen in Bildern. Dabei arbeitet die Kamera von Jamie Ramsay („See How They Run“) meisterhaft und bleibt doch immer zurückhaltend. Echte Gefühle müssen vorsichtig beobachtet und dürfen nicht einfach ins grelle Licht gezerrt werden. Echte Gefühle müssen vermittelt und nicht einfach nur gespielt werden.
 
Und das schafft die überschaubare, aber exquisite Besetzung ganz hervorragend. In einer von nur vier Sprechrollen dieses Films (fünf, wenn man eine Kellnerin in einer wichtigen Szene mitzählen will) brilliert Jamie Bell („Billy Elliot“, „Rocketman“) als Vater. Die Natürlichkeit, mit der er einen Mann spielt, der buchstäblich aus einer anderen Zeit stammt und der mit Erkenntnissen und Neuigkeiten der modernen Zeit umgehen muss, lässt uns keine Sekunde an seiner Figur zweifeln, obwohl diese doch gar nicht real und nur eine Fantasie sein kann.
 
Ebenso fantastisch natürlich agiert Claire Foy („Unsane“, „Die wundersame Welt des Louis Wain“). Wie sie mit dem hadert, was ihr Sohn ihr zu berichten hat und dabei viel von der Verletzlichkeit aber auch der Zuneigung und Liebe einer Mutter vermittelt, lässt die Fantasien oder Vorstellungen der Hauptfigur zutiefst realistisch wirken.
 
Paul Mescal („Die Frau im Dunkeln“, „Callum“) spielt den Nachbarn Harry als verlorene Seele. Wir erkennen bald, dieser Harry und damit auch die zärtliche Liebesgeschichte zwischen ihm und Adam, ist verdammt. Mescals sensible Darstellung lässt uns das Schicksal seiner Figur nur noch schmerzhafter erleben.
 
Andrew Scott war ein großartiger Moriarty in der TV-Serie „Sherlock“. Seine Darstellung eines weiteren Schurken war einer der wenigen Lichtblicke im überladenen „Spectre“. Und er ist einer von vielen Gründen, warum noch mehr Leute als bisher die großartige britische Serie „Fleabag“ sehen sollten.
 
In „All of Us Strangers“ ist er als Adam das Kind und der Erwachsene, der Suchende nach Liebe, der Liebende und vieles mehr. Er ist nicht einfach nur die Hauptfigur, mit der wir uns identifizieren. Er ist wir alle. Er ist, wie Kinky Friedman es einmal in einem Song ausgedrückt hat „Everybody, everywhere, who ever lost a dream“ und noch viel mehr.
 
Andrew Scott ist uns mit seiner Darstellung des Adam während des ganzen Filmes ganz nah. Wir sehen hier keinen Schauspieler beim Spielen zu. Wie sehen keinen Darsteller etwas darstellen. Dieser Adam ist uns so nah, wie wir es zulassen. So trägt Scott nicht einfach nur diesen Film, sondern unsere Erinnerungen, unsere Wünsche und Träume auf seinen schmalen Schultern und lässt uns wunderschön berührende, zutiefst menschliche Emotionen erfahren.
 
Fazit
 
Ein großartig gemachter, anspruchsvoller Film über schwierige Familiendynamiken und die Probleme, in der modernen Welt Liebe zu finden, von dem sich jeder Mensch angesprochen fühlen kann. Ein Film „for everybody, everywhere, who ever lost a dream”.
 
 
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