*** Borga ***

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*** Borga ***


 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
In den letzten Jahren haben wir einige europäische Filme gesehen, die sich mit der Flüchtlingskrise beschäftigt haben. Egal ob anspruchsvolles Drama oder Unterhaltungsfilm, die meisten dieser Filme hatten eines gemeinsam: sie haben ihre Geschichten vor allem aus dem europäischen Blickwinkel erzählt.
 
Get rich or die trying
 
Kojo wächst am Rande einer Müllhalde für Elektroschrott in Accra, Ghana auf. Die Müllhalde bestimmt jeden Aspekt des Lebens der Menschen dort. Kojos Vater lebt, ebenso wie viele andere, vom Ausschlachten weggeworfener Technik. Diese Arbeit ist ebenso gefährlich wie anstrengend. Aber der Vater spart auf ein eigenes Haus für seine Familie und zieht Kojos älteren Bruder zu seinem Nachfolger heran. Kojo hingegen soll in die Schule gehen und lernen. Einige Jahre später muss Kojo immer noch Schott zerlegen. Daher setzt er sich mit einem Freund Richtung Deutschland ab, um dort reich zu werden und seine Familie unterstützen zu können. Aber das Leben in Deutschland ist alles andere als einfach …
 
Politiker, Journalisten und Laien sprechen immer wieder gern über „Flüchtlinge“. Über „Fluchtursachen“ spricht man hingegen nur selten. Dafür fällt ganz oft der Begriff „Wirtschaftsflüchtlinge“. Meistens wird auch noch ein „nur“ vorangestellt, wie in, „Das sind ja nur Wirtschaftsflüchtlinge“ als wären diese Menschen keine „richtigen Flüchtlinge“. Wir merken uns, wenn jemand sein Heimatland bloß deswegen verlässt, weil er dort selbst mit härtester Arbeit keine Chance hat, sich und seine Familie zu ernähren, dann ist er eben „nur ein Wirtschaftsflüchtling“.
 
 
„Borga“ ist ein ganz besonderer Film. Unter anderem weil er uns in eindrucksvollen und trotzdem immer realistischen Bildern zeigt, wovor „Wirtschaftsflüchtlinge“ flüchten. Diese Menschen flüchten vor der ständigen Gefahr von Verletzung, Verstümmelung und Tod im Rahmen von Tätigkeiten, für die sie trotzdem nicht genug zum Leben bezahlt bekommen. Diese Menschen flüchten vor Leben ohne jede Perspektive. Diese Menschen flüchten vor Leben auf Müllhalden.
 
„Borga“ zeigt uns nicht nur auf absolut nachvollziehbare Weise, warum diese Menschen ihre Heimatländer verlassen um sich auf gefährliche, menschunwürdige Reisen zu machen. Der Film lässt uns auch erkennen, warum diese Menschen zu uns nach Europa flüchten. Wenn wir Europäer Dinge wegwerfen, die so wertvoll sind, dass in Ghana ganze Städte davon leben unseren Müll auszuschlachten, wie fantastisch muss dann das Leben bei uns sein? So zeigt uns der Film auch, was wir Europäer anrichten, wenn wir ständig neue Unterhaltungselektronik brauchen und Waschmaschinen oder Kühlschränke nicht mehr reparieren lassen sondern beim kleinsten Defekt durch neue Geräte ersetzen.
 
Aber „Borga“ zeigt uns noch mehr. Das Drehbuch von Toks Körner („Die Drei von der Müllabfuhr“) und Regisseur York-Fabian Raabe vermittelt uns auch, warum eine Rückkehr nach Afrika für die desillusionierten, jungen Männer leider keine Option ist. Regisseur Raabe zeigt, wie die afrikanische Familienstruktur ebenso Segen wie Fluch sein kann. Der liebende Vater, der unbedingt möchte, dass seine Söhne es einmal besser haben, setzt sich selbst und seine Söhne damit immens unter Druck. Erst wenn man reich genug ist seine Familie zu unterstützen, ist an eine Rückkehr zu denken.
 
01 ©2021 Chromosom Film GmbH Tobias von dem Borne02 ©2021 Chromosom Film GmbH Tobias von dem Borne03 ©2021 Chromosom Film GmbH Tobias von dem Borne05 ©2021 Chromosom Film GmbH Tobias von dem Borne
 
Und so lässt uns „Borga“ auch erkennen, wie dieser Druck und ihre Lebensumstände Menschen mit unsicherem Aufenthaltsstatus in die Kriminalität geraten lässt. Wer ohnehin „illegal“ ist und sich kaum „legal“ über Wasser halten kann, muss sich zu illegalen Aktivitäten nicht lange überreden lassen. Dabei will uns dieser Film niemals belehren. Raabe und Körner lassen uns Lebensbedingungen erfahren, die wir uns kaum vorstellen können. Sie lassen uns Situationen erleben, in die wir niemals geraten möchten. Welche Schlüsse wir aus dieser Erfahrung ziehen, bleibt uns überlassen.
 
Anders als so viele andere Filme will uns „Borga“ nicht alles im Dialog erklären. Die Macher des Films halten sich an die goldene Regel „Show, don’t tell“. Und so werden uns wichtige Themen des Films in Bildern vermittelt. Väterliche Zuneigung erfahren wir während einer Fahrt auf einem Lastenmotorrad. Die Härte und Verzweiflung der familiären Situation sehen wir dann im Umgang mit Arbeitsunfällen und Diebstählen. Die fast klinische Atmosphäre eines teuren Hotels wird einer fröhlichen Familienfeier in einer ärmlichen Behausung gegenübergestellt. Die Kindheit in Ghana sehen wir in dynamischen Bildern, die Einsamkeit in Mannheim wird von einer fast statischen Kamera gezeigt.
 
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„Borga“ ist ein Film für aufmerksames Publikum. Und je nachdem, wie aufmerksam das Publikum ist, hat der Film noch viele weitere Erfahrungen und Einsichten zu bieten. So kann man zum Beispiel feststellen, dass die einzigen Figuren des Films, die niemals betrügen, lügen oder stehlen, drei sehr unterschiedliche Frauen sind. Es sind die Männer, die sich von ihren altmodischen Geschlechterrollen in die Ecke treiben lassen. Die Frauen sind es, die stark genug sind mit Druck umgehen zu können, stark genug Verlust zu verarbeiten, stark genug vergeben zu können.
 
Natürlich ist Borga kein perfekter Film. Die immer wieder eingeblendeten Ortsangaben sind ein bisschen zu sehr „Hollywood“ und stören in diesem Film, der ja für ein aufmerksames Publikum gemacht ist, spätestens wenn wir „Kassel, Germany“ lesen ohne dass diese Ortsangabe irgendwie von Belang wäre. Die Methode, wie Drogenschmuggler ihr Schmuggelgut während der Reise verstecken ist nur halb korrekt dargestellt. Tatsächlich holt man die Ware nicht aus der gleichen Öffnung, in die man sie reingesteckt hat. Aber es wirkt vermutlich „filmischer“ einen Protagonisten über eine Schüssel gebeugt zu zeigen, als über einer sitzend.
 
Aber das alles ist nebensächlich, wenn eine großartige, berührende Geschichte nachvollziehbar erzählt wird. Dafür sorgt auch die hervorragende Besetzung. Eugene Boateng („Becks letzter Sommer“) spielt Kojo „sympathisch“ im ursprünglichen Sinne des Wortes. Wir können mit seiner Figur „mitfühlen“. Wenn Kojo sich freut, freuen wir uns mit. Wenn er verzweifelt ist, verzweifeln auch wir. Auch wenn wir nicht alles was Kojo tut gutheißen können, haben wir doch immer Mitgefühl mit ihm.
 
Mitgefühl mit Kojo hat auch die von Christiane Paul dargestellte Lina. Paul, bekannt durch Filme wie „Neues vom Wixxer“ oder „Die Vampirschwestern“, zeigt hier eine tief bewegende Darstellung einer klugen, emotional erwachsenen Frau, die auch verliebt weder Mädchen noch Weibchen wird, sondern immer eine erwachsene Frau bleibt.
 
Thelma Buabeng („Das Adlon“, „Heil“) bereichert den Film mit Ihrer Darstellung einer verständnisvollen Ladenbesitzerin um echte Güte und Wärme. Buabeng und Paul und bilden das emotionale Zentrum des Films. Sie sind der moralische Pol einer harten und mitleidslosen Welt.
 
Fazit
 
Ein berühmtes Gedicht rät, bevor wir einen Menschen oder seine Situation beurteilen, „just walk a mile in his moccasins“. „Borga“ lässt uns mehr als eine Meile in den Schuhen eines jungen Flüchtlings gehen. Das macht aus diesem hervorragenden Film einen wirklich wichtigen Film.
 
 
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