*** Ammonite ***

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*** Ammonite ***


 
dfdh kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Mary Anning war eine der besten Fossiliensammlerinnen des 19. Jahrhunderts. Und so wie man Fossilen behutsam freilegen muss, muss man sich auch den Film über Annings Leben und Liebe mühsam erarbeiten.
 
It’s not easy work
 
Um 1840 führt Mary Anning ein hartes, arbeitsames Leben. Täglich sucht sie bei jedem Wetter die raue Küste Dorsets nach Fossilien ab. Ihre Funde werden anschließend von Privatsammlern oder Museen gekauft und ohne Nennung ihres Namens ausgestellt. Eines Tages bezahlt der Naturforscher Roderick Murchison Mary zunächst für Privatunterricht und später für die Betreuung seiner jungen Frau Charlotte, damit er für mehrere Wochen auf Forschungsreise gehen kann. Die resolute, alleinstehende Mary, die bisher nur mit ihrer alten Mutter zusammengelebt hat, reagiert zunächst abweisend auf die Gegenwart der zarten Charlotte. Aber nach und nach kommen die beiden Frauen einander näher …
 
Nach „God’s Own Country“ ist auch der zweite Film von Regisseur und Drehbuchautor Francis Lee wieder schwierig und schwer zugänglich ausgefallen. Das ungewöhnliche, historische Setting und Lees Neigung, den Betrachter zu fordern, haben “Ammonite” noch ein bisschen sperriger werden lassen als den Vorgänger. Es steht zu befürchten, der Film könnte sein Publikum vielleicht nicht erreichen. Das wäre schade, denn dieser Film hat einiges zu bieten.
 
 
Da ist zunächst die kompromisslose, ja fast brutale Art und Weise, wie der Film das harte Leben der Frauen im Großbritannien des 19. Jahrhunderts beschreibt. Selbstverständlich wird Annings Name nicht genannt, wenn ihre einzigartigen Funde ausgestellt werden. Ihrer Arbeit verdankt die Wissenschaft bahnbrechende Entdeckungen, trotzdem hat Mary Mühe, sich selbst und ihre Mutter davon zu ernähren. Der Forscher Roderick Murchison scheint ein recht netter Kerl zu sein, unterdrückt seine emotional belastete Frau aber trotzdem und bietet ihr statt Trost und Wärme nur Zurückweisung und Belehrung.
 
Dieses Leben hat Mary selbst hart und abweisend werden lassen. Zwei kurzen Szenen lassen uns erahnen, dass auch Mary einmal Sehnsucht und Zuneigung verspürt haben mag. Aber diese Episode aus Mary Vergangenheit wird nur angedeutet, kaum erwähnt. Auch über eine Tragödie in der Vergangenheit der schüchternen Charlotte wird nicht gesprochen. Filmfans sollten besser achtsam sein, sonst bleiben ihnen wichtige Aspekte der Handlung und Zusammenhänge verborgen. Nur wer die Porzellanfiguren von Marys Mutter gezählt hat, kann erfahren, warum sie der alten Frau so wichtig sind.
 
In diesem harten, im wahrsten Sinne des Wortes lieblosen Leben, lassen kleine Details erkennen wie zwei Frauen einander näher kommen. Einfache Berührungen, wie das Auftragen einer Salbe und die Berührung einer Schulter hatten in dieser Welt und in dieser Zeit eine andere Bedeutung als heute. Wenn eine der Frauen vor der anderen Schuhe und Strümpfe ablegt um ihre Füße zu entspannen, vermittelt das eine Intimität, die sich erst langsam und behutsam entwickeln musste und daher umso wertvoller ist. Kleine Gesten und freundliche Wörter haben hier ein ganz anderes Gewicht.
 
Wenn die beiden so unterschiedlichen Frauen einander nahe kommen und intim werden, zeigen sie eine wahrhaft befreite Lust. Nach zwei Leben voller Zwänge und Konventionen muss ihre hemmungslose Zärtlichkeit den beiden Frauen göttlich vorkommen. Ein Brief, der das Ende der himmlischen Zeit verheißt, lässt sie noch einmal verzweifelt Lust und Freiheit erleben.
 
01 ©2021 Tobis Film02 ©2021 Tobis Film03 ©2021 Tobis Film04 ©2021 Tobis Film
 
Vielleicht wird sich all das nicht jedem Betrachter erschließen. Immerhin haben selbst Profis Mühe damit. „Ammonite“ war bereits im letzten Jahr auf einigen Festivals gezeigt worden und die Reaktionen der internationalen Kritiker sind bisher sehr unterschiedlich ausgefallen. Der sonst so verlässliche Brian Tallerico meint, „one could argue parts of “Ammonite” are too low-register …” (etwa: „man könnte argumentieren, Teile des Films wären zu verhalten“).Tatsächlich verkennt der Kollege hier, dass alles was nicht “low-register” wäre, einfach nicht in den zeitlichen Rahmen des Films passen würde. Emma Madden schreibt in „The Guardian“ sogar von „dated tropes“ (etwa: „veralteten bildlichen Stilmitteln“) und erkennt nicht, wie genau dieser Film eine Zeit wiedergibt, die zum Glück längst vorbei ist.
 
Der Filmfan, der es schafft, sich diesem Film zu öffnen, kann die schnörkellosen und doch eindrucksvollen Bilder von Kameramann Stéphane Fontaine („Der Geschmack von Rost und Knochen“) in sich aufnehmen. In diesem Film kann Licht kalt und Dunkelheit warm wirken. Das Publikum darf sich auch an der stets realistischen und doch wunderschönen Ausstattung erfreuen. Die Kleidung und die Schuhe der hartarbeitenden Mary sehen immer getragen aus. Selbst ein Vorhang zeigt Abnutzungserscheinungen und lässt uns Marys Haus in Lyme ebenso erleben, wie den Kontrast zu den sehr viel schöneren Kleidern und dem sehr viel prächtigerem Heim Charlottes.
 
She suffers from melancholia
 
Es gilt auch wieder einmal eine wunderbar subtile Darstellung der immer großartigen Fiona Shaw zu entdecken. Shaw, den meisten nur als Mutter Dursley aus den „Harry Potter“-Filmen bekannt, lässt uns in einigen wenigen, ruhigen kleinen Szenen eine Figur erfahren, deren lange zurückliegende Liebe und vielleicht Leidenschaft für Mary sich zu einer echten, aufrichtigen Zuneigung verändert hat.
 
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Saoirse Ronan („Lady Bird“) vermittelt uns, wie eine schüchterne, schwache junge Frau durch Liebe und Leidenschaft an Kraft gewinnt und zu wachsen beginnt. Es ist eine wahre Freude, die Entwicklung ihrer Figur zu verfolgen und zu erkennen, warum sie am Ende vielleicht sogar zu weit gehen will.
 
Nach einer Reihe von mittelmäßigen bis schwachen Filmen, wie „Die Bestimmung“, „Triple 9“oder „Zwischen zwei Leben“ zeigt Kate Winslet in diesem Film ihre stärkste Leistung seit langem. Vielleicht ist es sogar die stärkste, sicher aber die bisher reifste Darstellung in Winslets Karriere. Diese Mary arbeitet, leidet, liebt und begehrt stets authentisch. Winslet vermittelt uns das schwierige Leben alleinstehender Frauen im 19. Jahrhundert und lässt ihre Figur weder antiquiert noch anachronistisch wirken. Winslets Darstellung der Mary wirkt weder klassisch noch modern, sondern einfach menschlich.
 
Fazit
 
Wie Fossilien sind auch Filme wie „Ammonite“ selten und schwer zu finden. Dieser Film vermittelt uns einen berührenden Einblick in das Leben und die Liebe zweier Frauen in einer weit zurückliegenden Zeit und ist daher ebenso wertvoll wie jedes Fossil.
 
 
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