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Kritik: Geister

 
sub kritik
 
Autor: Christopher Diekhaus
 
Trauerbewältigung im Traum.
 
Liebe auf den ersten Blick
 
Junge Menschen nehmen im Werk des Filmemachers Fatih Akın, vor allem in den Arbeiten der letzten Jahre, eine bedeutende Rolle ein. Die Romanadaption „Tschick“ (2016) handelte von zwei Teenagern mit unterschiedlichem sozialem Background, die in einem gestohlenen Wagen durch die ostdeutsche Pampa cruisen. Das Biopic „Rheingold“ (2022) schilderte den Werdegang des 2025 verstorbenen Rappers Xatar. Und das historische Drama „Amrum“ (2025), erzählte, basierend auf den Kindheitserinnerungen des Regisseurs Hark Bohm, wie ein 12-Jähriger kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs auf der titelgebenden Insel versucht, für seine Mutter Weißbrot, Butter und Honig aufzutreiben.
 
Auch im Zentrum von Akıns jüngstem Projekt, der mit fantastischen Elementen angereicherten Romanze „Geister“, die kurz vor dem Kinostart auch als Graphic Novel erschien, stehen Jugendliche. Allerdings dreht sich der Film weniger um klassische Coming-of-Age-Befindlichkeiten, sondern allgemein um die Kraft und die Fallstricke der Liebe und den Schmerz nach einem plötzlichen Verlust. Nachdem „Amrum“ auf dem nordfriesischen Eiland spielte, kehrt Akın nun wieder in seine Heimatstadt Hamburg zurück.
 
Ausgangspunkt der Handlung ist eine von drei Schulen organisierte Abiparty im Fernsehturm der Elbmetropole. Dort, an der Theke, lernen sich Farasha (Mariam Dawoud) und Faris (Eren M. Güvercin) kennen. Nach ein paar Worten und ein paar intensiven Blicken ist klar, dass sich aus der Begegnung mehr entwickeln könnte. Schon am nächsten Tag wollen sie sich noch einmal treffen.
 
 
Als Farasha und ihre Freundin Una (Carlotta von Falkenhayn) in der Nacht nach Hause müssen, bietet sich Faris kurzerhand als Fahrer an. In einer unübersichtlichen Baustelle kommt es zu einem Unfall, den Akın erst später aus unterschiedlichen Perspektiven zeigen wird. Hier verschwindet der Wagen des jungen Mannes einfach nur zwischen den bunten Leuchtzeichen – dann der Schnitt zu einem im Krankenhaus aufwachenden Faris, der von seiner Mutter (Anna Bederke) beruhigt wird.
 
Von einem Moment auf den anderen bricht seine Welt zusammen. Denn nur wenig später erfährt der frischgebackene Abiturient, dass Farasha bei dem Crash gestorben ist. Das Ende der aufkeimenden Liebesgeschichte scheint unumstößlich. Doch dann biegt das Drehbuch, das der Regisseur zusammen mit Ruth Toma („Der Junge muss an die frische Luft“) geschrieben hat, mit einer spannenden Wendung um die Ecke. Vom Jenseits aus kann Farasha Kontakt zu Faris aufnehmen, allerdings nur in seine Träumen und noch dazu bloß 40 Tage lang. Danach verschwindet sie, wie es an einer Stelle heißt, im Nebel der Erinnerung, muss den Trauernden endgültig verlassen.
 
Große Fragen, große Gefühle
 
Obwohl die Protagonisten schon nach wenigen Minuten auseinandergerissen werden, entfaltet sich in „Geister“ eine Romanze ohne übertriebene Kitschanfälle, die immer wieder zu berühren weiß. Mariam Dawoud und Shooting-Star Eren M. Güvercin, unter anderem bekannt aus der RTL+-Serie „Euphorie“, transportieren das Knistern zwischen Farasha und Faris schon beim ersten Treffen, was die Tragik der Situation nur noch verstärkt. Hier haben sich offenbar zwei Menschen gefunden, die wirklich auf einer Wellenlänge funken. Und doch hat das Schicksal nichts Besseres im Sinn, als das frische Glück zu zertrümmern.
 
Auch im weiteren Verlauf ist die Anziehung, dank des feinfühligen Spiels der beiden Hauptdarsteller, fast mit Händen greifbar, wobei der Film auch vor düsteren Winkelzügen nicht zurückschreckt. Kann, darf die Liebe größer als der Tod sein? Oder anders gefragt: Welchen Sinn hat das Leben nach dem schmerzhaften Verlust noch? „Geister“ packt große Themen an, tut das aber mit einer gewissen Leichtigkeit, die man keineswegs mit Oberflächlichkeit verwechseln sollte.
 
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Dass man sich gerne mitreißen lässt, liegt auch und besonders an der flirrend-entrückten Atmosphäre. Der Film spielt im Hamburg der Gegenwart. Passend zur Traum-Prämisse wirken die Bilder allerdings oft etwas überhöht, märchenhaft. Angesichts der Abschiedsstimmung ist es irgendwie naheliegend, nicht unbedingt originell, Farasha und Faris mehrfach an Transitorten – etwa in einer menschenleeren U-Bahn-Station – zu zeigen. Ausdruckskraft besitzen diese Szenen dennoch.
 
Hier und da bemüht Akın zwar eine etwas plakative Symbolik. Und manchmal ist die Musik eine Spur zu präsent, soll Augenblicke emotional aufwerten, die man gar nicht zusätzlich aufwerten muss. Auf dem Weg zum, im wahrsten Sinne des Wortes, atemberaubenden Finale (Menschen mit Höhenangst seien gewarnt!), das auf dramatisch verdichtete Weise zu einer Feier des Lebens wird, stören diese Schönheitsfehler aber kaum.
 
Was nicht unerwähnt bleiben soll: Anders als viele deutsche Filme, in denen Figuren mit Migrationsgeschichte auftauchen, problematisiert „Geister“ die Herkunft seiner Charaktere nie. Dass beispielsweise Farasha mit ihrer Familie aus Syrien geflohen ist, wird nebenbei erzählt, ist ein Baustein, der sich ganz selbstverständlich in das Gesamtbild fügt und nicht übermäßig hervorgehoben wird.
 
Fazit
 
Eine ergreifende, Tod und Leben in träumerischen Bildern erforschende Lovestory der etwas anderen Art. Intimes, aber kraftvolles deutsches Kino!
 
 
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