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Kritik: Das gewisse Etwas

 
sub kritik
 
Autor: Walter Hummer
 
Drehen Studios immer noch solche Filme?
 
Was ist jetzt der Plan?
 
Als ich die Einladung zur Pressevorführung bekam, war ich aufgeregt. „Das gewisse Etwas“ ist einer der wichtigsten und interessantesten Filme der späten Stummfilmära. Coole Idee, ihn nun, vermutlich zum Hundertsten Jubiläum wieder in die Kinos zu bringen. Ach, was würde ich über diesen Film alles schreiben können. Clara Bow wurde durch diesen Film mit dem Originaltitel „It“ zum allerersten „It-Girl“. Der spätere Lebensweg dieser Darstellerin, mitsamt Karriereknick mit Einsetzen des Tonfilms und schweren psychischen Problemen, würde ausreichend Stoff für ein bewegendes Drama abgeben. Auch der männliche Hauptdarsteller Antonio Moreno konnte seinen starken spanischen Akzent in Tonfilmen nicht mehr verbergen und musste danach seine Karriere in Mexiko fortsetzen. Der junge Cary Cooper hatte in dem Film eine seiner ersten Rollen und so weiter und so fort …
 
Leider habe dann die Inhaltsangabe der Einladung lesen müssen: „Nach einem Juwelenraub verstecken sich Alex und sein Vater Karlo ausgerechnet bei einer Gruppe junger Erwachsener mit Beeinträchtigung, die mit ihren Betreuenden gerade in den Sommerurlaub aufbrechen. Die beiden Ganoven geben sich kurzerhand als der fehlende Mitreisende Otto und dessen Betreuer aus – eine fast perfekte Tarnung. Mit der Flucht vor der Polizei beginnt ein außergewöhnliches Abenteuer, das allen Beteiligten nicht nur ungeahnte Herausforderungen beschert, sondern auch jede Menge Spaß, große Gefühle – und eine neue Sicht auf das Leben!
 
Ich durfte also nicht über die Schizophrenie von Clara Bow und den späteren Werdegang von Cary Cooper berichten, sondern über das deutsche Remake des französischen Films „Un p'tit truc en plus“, den in Frankreich 11 Millionen (!) Leute und bei uns keine Sau gesehen hatte? Natürlich war ich enttäuscht. Und diese Enttäuschung ist nicht geringer geworden, seit ich den Film nun gesehen habe.
 
 
Das bringt mich zu meiner Frage vom Anfang zurück: Drehen Studios tatsächlich noch solche Filme, in denen sich ein „Held“ aus eigennützigen Motiven als Angehöriger einer Minderheit ausgibt, im Zuge der Handlung draufkommt, dass das die besseren Menschen sind und am Ende löst sich alles in Wohlgefallen auf? Ernsthaft? Solche Filme werden immer noch gedreht? Warum?
 
Ich kann mich noch erinnern, wie ich „Soulman“ vor bald 40 Jahren im Kino gesehen habe und mich damals schon gefragt habe, wer diese Story, rund um einen jungen weißen Mann, der sich für einen Afroamerikaner ausgibt, um ein Stipendium zu bekommen, für eine gute Idee halten konnte? Und es ist auch schon wieder zwanzig Jahre her, seit Til Schweiger (schon damals ein Garant für den sensiblen Umgang mit heiklen Themen in anspruchsvollen Filmdramen) sich in „Wo ist Fred?“ als Rollstuhlfahrer ausgegeben hatte um, wasweißdennichwas zu erreichen. Und jetzt muss ich feststellen, es werden nach wie vor noch immer solche Filme gedreht? Und darüber soll auch noch jemand lachen?
 
Naja, die Welt hat sich weitergedreht. Vielleicht dreht man solche Filme heute ganz anders? Möglicherweise hat Frankreich uns etwas voraus? Vielleicht würde das deutschsprachige Filmpublikum eine Überraschung erleben?
 
Spoiler: Nö. Für die Entscheidungsträger in Filmproduktionsgesellschaften hat sich die Welt nicht weitergedreht. Man hat diesen Film wieder genauso gedreht wie anno vorgestern. Der französische Unterhaltungsfilm steckt längst in einer ähnlichen Krise wie der Deutsche. Und nein, „Das gewisse Etwas“ lässt niemanden eine Überraschung erleben.
 
Für alle, die es aus der Inhaltsangabe noch nicht herauslesen konnten: Die Handlung des Films ist eines der idiotischsten Beispiele für einen „idiot plot“ (=eine Handlung, die nur funktionieren kann, weil sämtliche Protagonisten Idioten sind) in der, an „idiot plots“ nicht armen, jüngeren deutschen Filmgeschichte. Dass die Räuber ihr Fluchtfahrzeug auf einem Behindertenparkplatz abgestellt haben, ist dämlich. Dass sie überhaupt in den Bus steigen, ist ebenso dumm wie unnötig. Dass sie danach noch einen langen Urlaub mit dieser Reisegruppe verbringen, ist bescheuert. Dass keiner der Betreuenden Alex‘ „Behinderung“ durchschaut oder auch nur hinterfragt, ist strohdumm. Eine Szene unter der Dusche ist schon gefährlich blöd. Die Nebenhandlung rund einen Konflikt von Betreuerin Polly ist hohl. Und der gesamte Schluss, mit einer Runde Happy Ends für alle, ist reine Idiotie.
 
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Je weniger über das wirklich hirnverbrannte Drehbuch berichtet wird, umso besser. Nur so viel: Autor Murmel Clausen hat bisher u.a. die Drehbücher zu Perlen der Unterhaltung wie „Vaterfreuden“, „Manta Manta – Zwoter Teil“ und einem knappen Dutzend Folgen der beliebten Krimireihe „Tatort“ verfasst. Weder er noch Regisseur Marc Rothemund haben irgendwann im Laufe dieses fragwürdigen Projekts das Offensichtliche bemerkt: nämlich dass ihr ungeschickter kleiner Film immer nur dann halbwegs funktioniert und interessant wird, wenn er die saudumme Handlung links liegen lässt und sich mal für ein oder zwei Szenen auf die Mitglieder der Reisegruppe mit dem gewissen Etwas konzentriert.
 
Guck sie Dir an und mach sie nach!
 
„Das gewisse Etwas“ wird nur dann erträglich, wenn er die Menschen mit dem gewissen Etwas eben nicht bloß als Statisten oder Lieferanten für unlustige Gags benutzt, sondern sie einfach auch mal ins Zentrum des Geschehens treten lässt. Wenn man einer jungen Frau mal nicht den Ball, das Padel, die Wasserflasche oder sonst was ins Gesicht knallt, sondern sie einfach als junge Frau mit Gefühlen zeigt, dann erleben wir, nein, auch wieder keine Überraschung, aber wenigstens einen Einblick in eine Geschichte, die kein „idiot plot“ ist.
 
Wenn man die Fußballleidenschaft eines jungen Mannes nicht als Handlungselement sondern als etwas zeigt, über das man Gemeinsamkeiten finden kann, dann lässt dieser Film mal eine echte Entwicklung zu. Wenn man einen jungen Mann den Rest der Gruppe erinnern lässt, „Ihr habt mich schon wieder vergessen, Ihr Arschlöcher!“, dann liefert die Obszönität keinen billigen Lacher, sondern vermittelt seine Frustration. Und wenn die ganze Gruppe – im Gegensatz zu den Betreuern – recht schnell erkennt, dass dem Helden „das gewisse Etwas“ fehlt, dann sehen wir für wenige Augenblicke einen sehr viel originelleren und unterhaltsameren Film, der diesen Menschen auch sehr viel eher gerecht geworden wäre.
 
Leider bekommen wir über weite Strecken der recht langen, weil oft langweiligen 91 Minuten, bloß unterdurchschnittliche deutsche Comedy-Dutzendware geboten, von Marc Rothemund beliebig und recht uninspiriert inszeniert. Nette, aber belanglose Bilder werden mittelmäßig interessant und ein bisserl schlampig aneinandergereiht. Rothemund vermittelt kaum Gefühl für Zeit und Raum. Bei ihm fährt ein Bus schon mal geografisch sinnlos durch die Gegend, da fahren schon mal sieben Leute in einem Auto zum Einkaufen, in dem höchsten fünf Personen Platz hätten, da verschwinden auch schon mal von einer Einstellung zur nächsten Teller und Geschirr von einem Tisch.
 
Unter einer solch beliebigen Regie und nach einem ebenso beliebigen Drehbuch können Darsteller*innen nur zeigen, was sie selbst mitgebracht haben. Das ist bei Mala Emde („Meine Tochter Anne Frank“) eine überaus sympathische Ausstrahlung, aber sonst leider nicht viel. Das ist bei Max von der Groeben eine ansprechende physische Erscheinung, die sich seit seiner Mitwirkung in den siebzehn Teilen der „Fack ju Göhte“-Reihe und dem Spin-off „Chantal im Tralalaland“ noch weiterentwickelt hat, aber sonst leider auch nicht viel.
 
Jasmin Schwiers hat ihr Talent erst kürzlich in einer unergiebigen Rolle in „Das Kanu der alten Fernsehkomiker“ verschwendet und bleibt diesem Muster auch hier treu, in einem Fragment einer Rolle, die durchaus interessant hätte werden können, wenn sie der Drehbuchautor nur fertig geschrieben hätte. Florian Lukas hat erst letztes Jahr in dem Fernsehfilm „Rosenthal“ eine beeindruckende Leistung gezeigt. Und auch hier ist es beeindruckend, wenn er seiner Rolle Ansätze von Tiefe und Dimension verleiht, die ihr das Drehbuch verwehrt hat.
 
Die wahren Stars des Films wären die Darsteller*innen mit dem „gewissen Etwas“ gewesen. Antonia Riet sorgt dafür, dass die zweite Liebesgeschichte des Films nicht an den Haaren herbeigezogen und peinlich wirkt. Natalie Kim Lehmann bereichert den Film mit frecher Lebendigkeit, die ihm so dringend fehlt. Frangiskos Kakoulakis vermittelt sehr viel mehr coole Intelligenz als der ganze Rest des Films. Simon Rupp lässt uns erfahren, wie sich Freundschaften entwickeln. Ferdinand Kuner spielt einen vielfach interessierten und ebenso interessanten jungen Mann, dessen Interesse wir stets nachvollziehen können. Und ebenso können wir nachvollziehen, wie die von Linus Bade dargestellte Figur mal nicht vergessen werden will. Sie alle und ihre anderen Kolleg*innen mit dem gewissen Etwas sind es, die diesen reichlich altmodischen Film gelegentlich interessant werden lassen.
 
Fazit
 
Es werden tatsächlich immer noch Filme gedreht, in denen Minderheiten nur von außen betrachtet, statt ins Zentrum der Geschichte gestellt werden. In diesem Fall haben die Macher des Films leider einfach nicht bemerkt, dass die Menschen mit dem „gewissen Etwas“ sehr viel interessanter gewesen wären, als ihr altmodisches, mittelmäßiges Filmchen.
 
 
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