Okay, .. ein weiterer Horrorfilm von Blumhouse über doofe, junge Menschen für doofe, junge Menschen, Wann kommt endlich wieder mal etwas Neues und Originelles ins Kino …?
You’re in every song I listen to
Aus der Einladung zur Pressevorführung: „In OBSESSION – DU SOLLST MICH LIEBEN nutzt der hoffnungslose Romantiker Bear ein „One-Wish-Willow”, um seinen Crush für sich zu gewinnen. Dieser magische Gegenstand erfüllt Wünsche, wenn man ihn zerbricht. Zunächst scheint er genau das zu bekommen, was er sich schon immer wünschte. Doch schnell muss er feststellen, dass manche Wünsche einen finsteren, unheimlichen Tribut fordern.“
Vollständige Offenlegung: in der Nacht nachdem ich „Obsession – Du sollst mich lieben“ gesehen habe, ist mir zum ersten Mal seit ich, … naja, .. sagen wir mal, .. seit ich 8 Jahre alt war, folgendes passiert: ich hatte einen Alptraum über das „Monster“ aus diesem Film, der mich so erschreckt und verstört hat, dass ich nach dem Aufwachen die meisten Lichter in meiner Wohnung angemacht habe. Ich hatte einfach zu viel Angst im Dunkeln. Eingeschlafen bin ich übrigens erst geraume Zeit später wieder.
Das alles ist umso erstaunlicher, als das „Monster“ in diesem Film eine junge Frau ist, dargestellt von einer bezaubernden Nachwuchsdarstellerin Anfang Zwanzig namens Inde Navarette, die mit Absätzen vielleicht 1,55 m groß ist und vollständig bekleidet sicher keine 50 Kilogramm wiegt. Das unheimliche Wesen, das mir zum ersten Mal seit meinem zehnten Lebensjahr Alpträume beschert hat, war also eine junge Frau, die ich vermutlich mit einem Arm hochheben könnte.
Nochmal erstaunlicher ist es, dass Curry Barker mit „Obsession – Du sollst mich lieben“ gerademal seinen ersten richtigen Langfilm inszeniert hat. Der Mann hat bisher nur einige Kurzfilme und einen „found-footage“-Film von gerade mal einer Stunde Laufzeit verfasst und inszeniert, die mir aktuell noch alle unbekannt sind (und es wird sicher noch eine Weile dauern, bis ich mir den ersten davon ansehen kann). Damit nicht genug des Erstaunlichen: Der Film, der mir zum ersten Mal seit ich zwölf Jahre alt war, den Schlaf geraubt hat, wurde für weniger als eine Million Dollar gedreht.
Weniger als eine Million Dollar! Die ewigen Werbespots für den reichlich dummen, weitgehend mittelmäßigen und komplett unoriginellen Splatterfilm „Lee Cronin´s The Mummy“, die uns allen vor einiger Zeit wochenlang auf den Keks gingen, müssen mehr gekostet haben als dieser großartige Film, der auf so vielen Ebenen grandios funktioniert. Wahrscheinlich hat James Cameron mehr Geld ausgegeben, um den zwölften Statisten von links in seiner gefühlt zwölften Fortsetzung von „Der sich den Wolf tanzt für Doofe“ blau einzufärben. Für weniger als eine Million Dollar hat Curry Barker nicht nur den originellsten und intelligentesten Horrorfilm seit langem gedreht.
Er hat schlicht und einfach einen der originellsten und intelligentesten Filme des Jahres gedreht. Im Gegensatz zu den vielen, vielen Filmen, die einfach nur uninspirierte Dutzendware darstellen, habe ich bei „Obsession - Du sollst mich lieben“ tatsächlich Hemmungen allzu viel über die Handlung zu verraten. Ich rate jedem echten Filmfan (und jedem Horrorfan sowieso) dringend, sich diesen Film unbedingt im Kino anzusehen. Und ich kann nur ergänzen, lasst Euch vorher bitte so wenig als möglich über die Handlung verraten. Der Text aus der Einladung zur Pressevorführung verrät genug. Und der Trailer zum Film verrät – wie üblich - tatsächlich schon zu viel.
Wer möglichst uninformiert und unvoreingenommen in diesen Film geht, bekommt zunächst einmal eine unterhaltsame, schräge Satire auf romantische Fantasien junger Männer zu sehen. Dann einen großartigen, stets stimmigen und intelligenten Psychothriller. Und gegen Ende wird der Film dann für zartbesaitete Filmfans sicher anstrengend werden. Aber auch diesen Leser*innen kann ich versichern, die Anstrengung lohnt sich! Und das sage ich, nachdem ich zum ersten Mal seit ich vierzehn Jahr alt war, einen wirklich schlimmen Alptraum wegen eines Films hatte.
Die Anstrengung lohnt sich nicht nur, weil man hier endlich wieder einmal originelles, intelligentes Storytelling im Film zu sehen bekommt. Sie lohnt sich auch deshalb, weil man hier ein vielversprechendes junges Talent bei der Arbeit beobachten kann. Curry Barker zeigt uns seine Geschichte, er lässt sie uns nicht von seinen Darstellern erzählen. Wenn der „magische Gegenstand“ anfängt, seine Wirkung zu zeigen und das einsetzt, was ich in Ermangelung eines besseren Ausdrucks mal „den Fluch“ nennen möchte, dann bekommen wir das in einer frühen, verstörend langen Szene absolut nachvollziehbar vermittelt. So können wir an dieser Stelle schon die Mechanismen des Fluchs wahrnehmen, diese mit jeder weiteren Minute Laufzeit weiter aufnehmen und uns der zunehmenden Verzweiflung und dem Horror der Protagonisten bald nicht mehr entziehen.
Is she okay?
Natürlich basiert die ganze Handlung auf dem alten Muster „be careful what you wish for“, das wir schon von Aesop, jedem Pakt mit dem Teufel, einschließlich dem von Goethe in zwei Teilen beschriebenen (immer diese Fortsetzungen!), und den vielen Variationen der „Affenpfote“ kennen. Aber wie originell und einfallsreich Curry Barker dieses alte Muster variiert, lässt einen interessanten Geschichtenerzähler und ebenso begabten Regisseur erkennen.
Dabei vermeidet der begabte junge Filmemacher praktisch alle naheliegenden Film- und Horrorfilmklischees. Curry weiß, ein Film braucht keine „jump scares“, wenn er einfach so scary ist, dass das Publikum sich in seinem Kinositz windet. Der „magische Gegenstand“ muss nicht aus gruseliger Quelle bezogen werden, wenn banale Alltäglichkeit zum Grusel beiträgt. Wenn der Wunsch rückgängig gemacht werden soll, muss das nicht von einer kichernden Hexe oder einem sardonischen Händler des Bösen abgelehnt werden, weil eine schaurige Parodie auf einen Anruf bei einer Customer Service-Hotline den Protagonisten und auch uns viel mehr zu erschrecken vermag.
Barker muss seine Handlung auch nicht in einer unzureichend beleuchteten viktorianischen Villa oder einem ähnlichen Hort der Klischees stattfinden lassen. Er lässt seine Protagonisten im geerbten Einfamilienhaus wohnen, in einem Plattenladen arbeiten und Partys und Restaurants besuchen, weil diese Vertrautheit der Orte die ansteigende Wirkung des Horrors beim Publikum nur fördert. Gerade in diesen alltäglichen Settings wirken Bilder, wie das einer auf ungewöhnliche Art und Weise verschlossenen Haustür oder das einer jungen Frau, die alleine daheim zurückbleibt, nur noch beunruhigender. Barker holt das Maximum an zunächst bedrohlicher und dann verstörender Wirkung aus seinen wenigen und banalen Drehorten heraus.
Und er holt auch einiges aus seiner Besetzung heraus. Der junge Cooper Tomlinson hat schon mehrmals unter Barkers Regie gespielt. Hier stellt er überzeugend den typischen langjährigen Freund dar, den wir alle haben oder hatten und der sich vor allem dadurch auszeichnet, eigentlich nie eine Hilfe und oft ein Teil des Problems zu sein. Eine junge Dame namens Megan Lawless wirkt leider etwas blass in einer sicher recht undankbaren Rolle. Der großartige Andy Richter, Conan O’Briens langjähriger Sidekick, bekommt hier leider zu wenig zu tun, um Eindruck zu hinterlassen.
Michael Johnston war bisher wohl hauptsächlich in Computerspielen und in Nebenrollen in TV-Serien zu sehen. Er wirkt absolut überzeugend als verliebter Egozentriker, der verzweifelt die Friendzone verlassen will und vermittelt uns ganz nebenbei die alte Wahrheit: was der eine für heimliche Verehrung hält, ist oft einfach nur unheimlich. Das Publikum darf sich nach dem Abspann unterhalten, von wem die im Titel erwähnt Obsession tatsächlich ausgeht.
Aber es war die junge Hauptdarstellerin Inde Navarette, die mir die schlimmste Alptraum-Reaktion auf einen Horrorfilm seit meinem sechzehnten Lebensjahr beschert hat. Sie agiert herrlich arglos in den ersten Minuten des Films, erscheint nachvollziehbar verwirrt vom Einsetzen des Fluchs bevor sie uns eine im wahrsten Sinne des Wortes selbstlose Verliebtheit und im weiteren Verlauf des Films noch Schlimmeres, viel Schlimmeres erfahren lässt. Der Gegensatz zwischen übereifrigem Liebeswahn und ausdruckslosem Standby auf dem bildhübschen Gesicht der jungen Frau, vermittelt uns bald blanken Horror, aber auch noch ganz nebenbei den unrealistischen Anspruch dessen was nicht nur junge Männer für Romantik halten.
Fazit
Ganz sicher kein typischer Blumhouse-Film, sondern einfach nur der originellste und intelligenteste Horrorfilm seit langem. Unbedingt im Kino ansehen und herausfinden, was einem alten, erfahrenen Filmkritiker zum ersten Mal seit seinem achtzehnten Lebensjahr furchtbare Alpträume bescheren konnte.