Tom Cruise mal nicht als Actionheld, aber dennoch mit vollem Einsatz.
Gegen die Erwartungen
Topfit und für jeden noch so verrückten Stunt zu haben – so kennt man Tom Cruise seit mehr als vier Jahrzehnten. Kann man sich den ewig strahlenden Hollywood-Star überhaupt anders vorstellen? Eigentlich nicht! Zumindest bis jetzt. In Alejandro G. Iñárritus neuer Regiearbeit „Digger“ zeigt sich der „Mission: Impossible“-Held jedoch von einer gänzlich ungewohnten Seite. Mit Schmerbauch, Falten, lichter werdendem Haar und Hamsterbäckchen betritt er hier als titelgebender Ölmagnat die Bühne und liefert eine Performance ab, die seinen ikonischen Actionrollen in puncto Hingabe in nichts nachsteht.
Eigenwillig ist allerdings nicht nur die Figur, die Cruise verkörpert. Auch der Film um ihn herum hat mit klassisch aufgebautem Popcornkino, für das der US-Darsteller seit langem steht, wenig gemein. „Digger“ präsentiert sich als ein irrwitziges Biest, voller Ambitionen, mitunter am Ziel vorbeischießend, allerdings – und darauf kommt es am Ende an – in seiner mehr als zweistündigen Laufzeit nie wirklich langweilig oder vorhersehbar. Die breite Masse wird der zwischen Gesellschaftssatire, schwarzer Komödie und Katastrophenfarce oszillierende Cocktail dennoch spalten. Wetten, dass…!?
Für Kritiker gibt es sicherlich leichtere Aufgaben, als ein Werk wie dieses zu besprechen. Denn nach rund 30 Minuten geben „The Revenant“-Regisseur Iñárritu und seine Mitstreiter eine neue Ebene ihrer Geschichte preis, die in den offiziellen Trailern sorgsam unter Verschluss gehalten wurde. „Digger“ zu sezieren, ohne diesen Dreh zu verraten, ist allemal herausfordernd. Da der Verleih vor dem Pressescreening eindringlich um spoilerfreie Texte bat, wollen wir es trotzdem versuchen.
Also: Worum geht es? Digger Rockwell (Cruise) macht seinem Namen alle Ehre, lässt seine Bohrmaschinen überall dort graben (im Englischen: dig), wo er Ölreichtum vermutet. Der Multimilliardär, laut Verleihsynopsis der mächtigste Mann der Welt, hält alle Zügel in der Hand, lässt Politiker wie Marionetten tanzen, sieht sich aber eines Morgens, kurz nach dem Aufstehen, mit einem gewaltigen Fiasko konfrontiert.
Aus einer kleinen Gletscherspalte auf einer seiner Plattformen in Grönland wird ein Problem existenziellen Ausmaßes, als sich eine riesige Eisplatte löst und Kurs nimmt auf Europa. Laut dem eilig herbeizitierten Wissenschaftler Ganesh (Riz Ahmed) sieht es für einen Großteil des Kontinents übel aus, wenn er von den zu erwartenden Tsunamis getroffen wird. In der rasch anberaumten Krisensitzung mit US-Präsident Compson (John Goodman), der parallel auch in einer persönlichen Notlage steckt, geht es, wenig überraschend, hoch her. Digger setzt vor allem darauf, das Narrativ über den von seiner Firma ausgelösten Super-GAU zu bestimmen.
Schauspieler auf Zack
Ein rücksichtsloser Energieunternehmer, ein amerikanischer Präsident mit langer roter Krawatte, der sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufführt, die Spaltung zwischen den Vereinigten Staaten und Europa, die Auswirkungen der Klimakrise und die Heuchelei mancher Weltverbesserer – „Digger“ nimmt, nicht gerade subtil, die Verwerfungen und Konflikte unserer Gegenwart aufs Korn und teilt dabei nach allen Seiten aus. Ein Film zum lauten Losprusten ist das hier weniger. Dafür sind viele der grotesk eskalierenden Ereignisse zu nah an den teils absurden Verwicklungen der politischen Realität. Dem prominenten Darstellerensemble bei den genüsslich ausgekosteten Mätzchen zuzusehen, macht dennoch große Laune. Nicht nur Tom Cruise spielt sich die Seele aus dem Leib. Auch John Goodman geht voller Inbrunst in seiner Darbietung auf. Das allgemeine Overacting mag manchmal irritieren. Mit Blick auf die bereits erwähnte zweite Ebene des Films ergibt es aber durchaus Sinn.
Angesichts der vielen Ideen, die die kreativen Köpfe in den Topf werfen, zündet längst nicht jede Pointe. Immer mal wieder schleichen sich Flachwitze ein. Und in manchen Fällen karikiert der Film Missstände, die er selbst reproduziert. Die in den Schaltzentralen der Macht leider noch immer vorherrschende Diskriminierung gegen Frauen wird an einer Stelle gekonnt aufgespießt. Vollwertige weibliche Figuren hat „Digger“ dann aber auch nicht zu bieten – obwohl die in Hollywood inzwischen sehr gefragte Sandra Hüller als Rockwells Halbschwester Emma vereinzelte Akzente setzen kann.
Iñárritu verheddert sich zuweilen in seinen Ansprüchen, kriegt aber oft rechtzeitig die Kurve und entblättert neue, reizvolle Facetten seiner mehrschichtigen Erzählung. Einer Erzählung, die auch das Erzählen selbst thematisiert – und die Frage, wie man der krisengeschüttelten Wirklichkeit mit fiktionalen Mitteln zu Leibe rücken sollte/könnte. Was trocken und zäh klingen mag, ist nicht nur dank der schwungvoll agierenden Darsteller unterhaltsam. In den Bann zieht überdies die oft ausgeklügelte Inszenierung. Schon einem vermeintlich belanglosen Requisit wie einer sich am Anfang automatisch öffnenden Gardine an Diggers Schlafzimmerfenster kommt rückblickend eine größere Bedeutung zu.
Herrlich dynamisch sind beispielsweise die ersten 20 Minuten, wenn sich Rockwell nach dem Aufstehen gleich diversen Brandherden gegenübersieht. Telefonate reihen sich aneinander, Wutausbrüche mehren sich, Türen gehen auf und zu, verschiedene Personen betreten das Bild, und zwischendrin wähnt man sich fast in einem „Dinner for One“-Sketch. Ähnlich mitreißend gerät eine Sequenz, in der der Titelantiheld vor wütenden europäischen Volksvertretern eine verwegene Ansprache hält. Iñárritus Stammkameramann Emmanuel Lubezki fängt die Energie im Raum in einer weitgehend ohne Schnitt gefilmten Einstellung treffend ein. Eben dieser Handlungsteil zeigt außerdem: „Digger“ übt nicht bloß wohlfeile Kritik, sondern hält auch all jenen den Spiegel vor, die für sich ohne Zögern reklamieren, auf der guten Seite zu stehen.
Fazit
Tom Cruise, wie man ihn noch nicht gesehen hat, in einem Film, der zweifelsohne Angriffsfläche bietet, mit seinen verrückten Ideen, seinen furiosen Schauspielleistungen und seiner mehrschichtigen Konstruktion aber auch immer wieder fasziniert.