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Autor: Manuel Boecker
 
IM KINO: It Follows!!
 
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Diffus komponierte Bilder, ein bizarres Drehbuch, vollgepackt mit angsterfüllter Körpersprache und dialogischer Präzision, dazu ein Soundtrack, der sich wie ein schwerer synthetischer Klang-Albtraum über die Szenen legt. In David Richard Mitchells neuem Film „It follows“ steckt der Horror in der unerträglichen Entschleunigung des Bösen.
 
Das Genre neu zu erfinden ist fast unmöglich - warum auch - wenn sich das dramaturgische Prinzip „Ich weiß, dass du in drei Minuten tot bist“ hundertfach bewährt hat: Eine Clique von Jugendlichen wird aus ihrem unbeschwerten Vorstadtleben gerissen und nach dem Schema eines Abzählreimes immer weiter dezimiert.
 
Unzählige Filme, meist gleich als Sequel angelegt, bedienen so in Kombination mit einigen Litern Kunstblut die Lust nach Nervenkitzel, Grusel und Schockmomenten. „It follows“, ein Indipendentfilm im Luxusgewand, ist anders. Der Film erreicht zwar nicht die Spannungs-Spitzen mancher Klassiker des Genres, doch der Zuschauer wird auch ganz ohne blutige Gemetzel oder furchteinflößende Masken auf eine intellektuelle Suspense-Reise der Extraklasse eingeladen, der man sich schwer entziehen kann.
 
 
 
 
Schon der nervöse Beginn hat es in sich und obwohl Mitchell mit dem Schlussbild des Prologs (die tote, scheußlich entstellte Hauptfigur im Morgengrauen) eigentlich die totale Hoffnungslosigkeit und eine fatalistische Zuspitzung in die Handlung zementiert, wird es in den folgenden hundert Minuten nie langweilig. Das liegt, neben den faszinierenden jugendlichen Darstellern, vor allem am Soundtrack von Disasterpiece, der so passgenau auf die bizarr entsättigten Bilder gegossen wurde, dass ein Film- und Musik-Kunstwerk von selten erlebter Stimmigkeit entsteht.
 
Mal elektrisch dröhnend, mal melodisch flirrend: Die Synthesizer-Sounds sind mit ihren Anklängen an die 80er Jahre zu einem bösen Retro-Brei verrührt, der gut zu fühlen aber schwer zu beschreiben ist. Regisseur David Richard Mitchell macht keinen Hehl aus seinen musikalischen und filmischen Vorbildern, John Carpenters „Halloween“ oder Richard Kellys „Donnie Darko“ haben den jungen Detroiter sichtlich inspiriert, daneben erinnert die langsam bröckelnde Fassade der Vorstadtlangeweile und die sich darin bahnbrechende jugendliche Sexualität an „The Virgin Suicides“.
 
Doch anders als bei Sofia Coppola dient der Sex in „It Follows“ nicht als Auflehnung gegen konservative elterliche Moralvorstellungen, sondern ist schlicht das Mittel der Wahl den bösen Fluch weiterzutragen. Konnte man noch davon ausgehen, dass in Horror-Filmen der Neunziger immer die Figur zuerst den Tod finden würde, die vorehelichen Sex oder Drogenmissbrauch praktiziert, bleibt Mitchell in diesem Punkt ohne Werturteil.
 
 
 
 01 ©2015 Welt Kino GmbH02 ©2015 Welt Kino GmbH03 ©2015 Welt Kino GmbH07 ©2015 Welt Kino GmbH
 
 
 
Überhaupt sind Eltern oder andere Autoritäten, die den jugendlichen Figuren Regeln oder Strafen aufdrängen könnten, schlicht nicht vorhanden. Die Generation der Erwachsenen wird entweder unscharf oder in Rückenansicht gezeigt, die Jugendlichen können nur erahnen, was die Eltern zu den merkwürdigen Ereignissen sagen würden, leit- und ziellos mäandern die Teenies auf sich selbst gestellt durch ihr kleines Vorstadtleben.
 
Das Alpha-Girl dieser kleinen Clique, die 19jährige Jay, träumt von einer überschaubaren Teeniekarriere: Rumhängen mit den Freunden, Partys und romantischer Sex mit dem süßen Typen auf dem Rücksitz. Doch der Startschuss bedeutet auch gleich das jähe Ende ihrer Fantasien, denn ihr Traumprinz betäubt sie danach und eröffnet ihr im Flackerlicht eines verlassenen Parkdecks, er habe durch den Sex einen seltsamen Fluch, oder genauer ein Wesen auf sie übertragen. Diese Behauptungen werden Sekunden später zur Realität, als eine Frau mit völlig erloschenen Augen auf Jay und ihren Freund zugewankt kommt.
 
Das Wesen kann unterschiedliche Gestalten annehmen, schleicht immer langsam auf seine Opfer zu und eine Berührung wäre tödlich. Von nun an zittert sich Jay also durch wellenartige Panik- und Erholungsphasen, immer Ausschau haltend nach langsam auf sie zu wandernden Menschen. Nach langem Überredungskampf überzeugt sie ihre Schwester und ihre Freunde von der tödlichen Gefahr. Gemeinsam trotzt die kleine Clique von nun an den Angriffen, in detektivischer Kleinarbeit jagen sie nach Informationen und Möglichkeiten den Fluch zu beenden oder die Wesen zu besiegen. Dem Zuschauer wird dabei oft ein kleiner Vorsprung gewährt, wann und wo neue Wesen lauern, so dass trotz der tempolosen Gefahr (die Wesen rennen nie) die Spannung auch glüht, wenn die Clique nur wortlos am Strand ein Bier trinkt.
 
 
 
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Hunderte Facetten von Angst, Grauen und Panik zeichnen sich auf den Gesichtern der jugendlichen Schauspieler ab, ohne dass vorschnell die Kreischattacke als letztes Mittel gewählt wurde. Maika Monroe als Jay und Keir Gilchrist als ihre Sandkastenliebe Paul stechen aus dem beeindruckenden Cast hervor, Jake Weary, Olivia Luccardi, Daniel Zovatto und Lili Sepe komplettieren die Clique, deren einzelnen Mitgliedern man am Ende einmal tief in die verstörte Seele zu sehen glaubte.
 
Erstaunlich wie Regisseur Mitchell es schafft, seine doch noch recht unerfahrenen Schauspieler auf eine artifizielle und gleichzeitig dokumentarisch authentische Spielweise zu trimmen. In der Wirkung wird er auf jeden Fall neben der wuchernden Musik von seinem Kameramann Michael Goulakis unterstützt, der in vielen, fast voyeuristischen, 360 Grad-Kamerafahrten die allseitige Bedrohung spürbar werden lässt und in den farblich entsättigten Bildern die Erschöpfung der Figuren zeigt. Mit „It Follows“ ist die amerikanische Realität der allseits präsenten Wirtschaftskrise im Horrorkino angekommen.
 
Die Amerikaner sind aus dem Paradies vertrieben worden, gleich in der ersten Szene stürzt die Hauptfigur aus einem Haus mit der Nummer „1492“. Ein Sinnbild, dass selbst das Entdeckungsdatum Amerikas ihr keinen Schutz mehr bieten kann. Verfallene Häuser bilden hier keine Grusel-Kulisse, sondern stehen symbolisch für eine aussichtslose Zukunft und das Damoklesschwert des Niedergangs, das über dem Land baumelt. In der letzten Szene krallen sich Jay und Paul beim scheinbar gelassenen Spaziergang aneinander, ihre hohlen Augen starren nach vorne und trotzen noch dem unabwendbaren Schicksal in Form des nächsten Angreifers von hinten. „Es“, was immer man auch darin sehen will, folgt ihnen immer noch, vielleicht bis zu einem Sequel dieses Shockers...
 
 
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