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***Die Peanuts - Der Film***

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Autor: Manuel Boecker
 
Tja, so sehen die Peanuts also im Jahr 2015 aus, wenn die Macher von „Ice Age“ über die Comic-Helden des viel zu früh verstorbenen Charles M. Schulz ihre Animationen stülpen: Köpfe wie fleischfarben lackierte Luftballons statt feiner, angedeuteter Striche in schwarz-weiß. Glücklicherweise verzichtet Regisseur Steve Martino wenigstens bei den verschrobenen Charakteren um den Melancholiker Charlie Brown auf unnötige Modernisierungen und schickt die Kindertruppe in „Die Peanuts- Der Film“ auf eine launige Best-Off-Reise.
 
Es gibt sie noch, die gute, alte Zeit. Zumindest bei den Peanuts im Niemandsland der amerikanischen Provinz. Seit Jahrzehnten rackern sich Charlie, Schroeder, Marcie und die anderen alterslos durch die Widrigkeiten des Alltags, ertragen stoisch die Sticheleien nach verlorenen Baseballspielen oder sehnen wie Linus die Ankunft des grossen Kürbisses herbei.
 
Erfinder Charles M. Schulz veröffentlichte die ersten Comic-Strips 1947 noch unter dem Titel „ Lil` Folks“, „Kleine Leute“, bevor ein paar Jahre später daraus die berühmten Peanuts wurden. Der ursprüngliche Titel verweist jedoch noch auf eine Deutungsebene, die im aktuellen Film eher unter gegangen ist: Nämlich dass die Peanuts im eigentlichen Sinne kein Kindercomic sind, sondern mit ihren philosophisch-existentiellen Anspielungen, den Widersprüchlichkeiten des Lebens und den Enttäuschungen der Kindheit erst von älteren Lesern umfassend rezipiert werden können.
 
 
Bonbonfarbene Computerwelt und warmherziger Familienfilm
 
Sohn Craig und Enkel Bryan Schulz blenden beim Drehbuch (zusammen mit Cornelius Uliano) dieses Detail jedoch weitgehend aus und setzen nun voll auf Slapstick und Action-Einlagen, statt auf Entschleunigung und humorige Melancholie. Am Ende dieser inhaltlichen Abspeck-Kur steht sogar mutlos ein halbwegs passables Happy-End für Charlie Brown. Was ungefähr so stimmig ist, als würde Donald Duck seinen Onkel Dagobert am Ende einer Geschichte im Anhäufen von Reichtum überholen. Im aktuellen Film besteht die Tragik an Schulz´ Alter Ego Charlie Brown vor allem in seiner Tolpatschigkeit, von Snoopy angeheizte Selbstzweifel fallen wie Lucy´s Quälereien fast gänzlich unter den Tisch.
 
Dennoch scheinen die mächtigen Figuren immer noch unzerstörbar durch die bonbonfarbene Computerwelt und machen „Die Peanuts“ zu einem warmherzigen Familienfilm. Viele blitzschnelle Wendungen und Brüche, liebevoll beobachtete Details und Musikwechsel lassen Kinderherzen höher schlagen und wecken bei den Eltern Erinnerungen an Lese-Marathons mit der Taschenlampe unter der Bettdecke.
 
Vielleicht liegt die leichte dramaturgische Schieflage des Film auch hier begründet: Denn mit dem Wunsch der Macher, den gesamten Kosmos der Peanuts-Gemeinde mit wirklich allen Skurilitäten abzubilden, von Schroeders Beethovenverehrung bis zu Pattys Schlafattacken, blieb zu vieles nur Zitat und weniges wurde sinnvoll eingebunden. Übrig blieb mit Charlie Brown nur ein Dreh- und Angelpunkt, dessen Anbetung des rothaarigen Mädchens den Kern des Films bildet. In einer Parallel-Lovestory schmeißt sich Snoopy in seinen Romanfantasien als Pilot in den Kampf gegen den Roten Baron, wobei die angeschmachtete Hundedame Fifi (als einzige Figur neu eingeführt) genauso süss-kitschig blass wirkt wie das rothaarige Mädchen in Charlies realer Welt.
 
01 ©2014 Twentieth Century Fox02 ©2014 Twentieth Century Fox03 ©2014 Twentieth Century Fox07 ©2014 Twentieth Century Fox
 
Alte Helden im neuen Gewand
 
Zu Beginn ist alles noch beim Alten: Charlie Brown kämpft mit der täglichen Kleidungsentscheidung und dem Drachen fressenden Baum, als ein Umzugslaster vorfährt und er die einmalige Chance riecht, dem neu ankommenden rothaarigen Mädchen einen unbefleckten Charlie ohne Macken zu präsentieren. Natürlich geht das erwartungsgemäß schief und sein Selbstbewusstsein verschwindet so schnell wie das Futter aus Snoopys Napf. Ausgerechnet Lucy, die eigentliche Provokateurin all seiner psychischen Macken, die sie dann in ihrer mobilen Praxis für 5 Cent wieder behebt, vermacht Charlie hilfreiche Tipps und ein Buch mit dem Titel „10 Wege ein Gewinner zu werden“.
 
So stürzt sich der Dauer-Loser in verschiedene Abenteuer wie eine Zaubershow, lernt Tanzen und gräbt sich literatur-analytisch durch einen Tolstoi-Wälzer, um endlich vom verschlossenen kleinen, rothaarigen Mädchen wahrgenommen zu werden. Immer zwei Schritte voraus und einen zurück rappelt sich Charlie Brown nach den unvermeidlichen Niederlagen wieder auf. Zwischenzeitlich wird er sogar unverdient zum Klassenbesten hochgejubelt, was seine Schwester Sally analog zum realen Merchandising-Wahnsinn gewieft mit Pullover- und Tassenverkauf flankiert.
 
Am Ende entpuppt sich das rothaarige Mädchen, ursprünglich nur sprachlose Projektionsfläche einer unerreichbaren Liebe, als   „echte“ Peanuts-Figur – nur ohne Macken und damit gnadenlos langweilig. Snoopys Schreibversuche auf der geliebten Schreibmaschine katapultieren ihn in kurzen Intermezzi immer wieder als Pilot in die Schlacht gegen den Roten Baron. Zu retten gilt es die plüschhafte Hundedame Fifi. Im himmlischen Kampfspektakel über aufwändig inszenierten Landschaften stellen die Macher zwar ihre Animationsqualitäten unter Beweis, die Indiana-Jones-Reminiszenz verträgt sich jedoch nicht wirklich mit der Vorortruhe der restlichen Bilderwelt.
 
11 ©2015 Twentieth Century Fox13 ©2015 Twentieth Century Fox14 ©2015 Twentieth Century Fox16 ©2014 Twentieth Century Fox
 
Fazit
 
Alte Fans der Peanuts können sich auf ein Wiedersehen mit den Helden ihrer Kindheit freuen, deren Namen allein schon wohlige Erinnerungen hervorrufen: Schroeder am Klavier, blind für Lucys Liebeswerben, Marcie als „Wingwomen“ von Peppermint Patty oder der stets von einer Dreckwolke umhüllte Pig Pen.
 
Als dieser von einem Wassersprenger unfreiwillig geduscht wird und ein triefender, aber sauberer Junge zum Vorschein kommt, blitzt der brillante, selbstironische Humor des Films auf. Jüngere Zuschauer, die zum ersten Mal die Pechsträhnen des Charlie Brown kennenlernen, werden sich über den plastikhaften Look weniger wundern, als über die schrägen Figuren, die so gar nichts heldenhaftes an sich haben und ganz ohne Kampfkünste und Handys durch die Vorstadtschule streifen. Charlie Brown räumt beim jährlichen Standard-Test in der Schule alle hundert möglichen Punkte ab, dieses Traumergebnis muss bei der Bewertung des Films deutlich nach unten korrigiert werden...
 
 
 
 
 
 
 
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