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*** Mary Poppins Rückkehr ***


mpr kritik
 
Autor: Walter Hummer
      
Disney hat sich mit der Fortsetzung seines Klassikers von 1964 große Mühe gegeben. Die Frage lautet nun: hat all die Mühe sich gelohnt?
 
Ist das ein herrlicher Tag
 
Die Banks-Kinder sind erwachsen geworden. Michael (Ben Wishaw) ist mittlerweile selbst Vater von drei Kindern. Und seine Schwester Jane (Emily Mortimer) hilft ihm bei der Erziehung. Weil man in Disney-Filmen die Kinder nur ungern mit einem vollständigen Paar Eltern verwöhnt, ist Bens Frau vor einem Jahr gestorben. Es wäre aber auch vorstellbar, dass sie ihren Tod nur vorgetäuscht hat, um von ihrem Mann loszukommen. Michael ist nämlich zu einem ziemlichen Armleuchter herangewachsen. Sein Vater war im ersten Film einfach ein zu hart arbeitender leitender Angestellter, der es nicht besser wusste. Aber Michael hatte in seiner Kindheit immerhin Mary Poppins als Nanny. Er müsste wissen, wie wichtig ein Löffelchen Zucker ist, das bittere Medizin versüßt. Trotzdem ist er zu einem überforderten Erwachsenen mit einem miesen Job herangewachsen. Höchste Zeit also für den Auftritt der magischen Nanny …
 
Disney hat für die Fortsetzung eines seiner bekanntesten Filmmusicals wirklich alle Register gezogen. Der Regisseur von „Chicago“ und „Into the Woods“ ließ eine hochwertige Besetzung eine Geschichte erzählen, die sich der Drehbuchautor von „Wenn Träume fliegen lernen“ und „Life of Pi“ ausgedacht hat. Das Szenenbild entwarfen Gordon Sim und John Myhre, die für „Chicago“ und „Die Geisha“ mit Oscars ausgezeichnet wurden. Die Kostüme schneiderte Sandy Powell, die bereits Oscars für „Shakespeare in Love“, „Aviator“ und „Victoria, die junge Königin“ gewonnen hat. Und falls das nicht reicht, hat Disney auch noch nicht bloß einen, sondern gleich zwei ihrer alten Stars vor die Kamera geholt. Mehr kann man wirklich nicht verlangen. Tatsächlich wäre ein bisschen weniger von allem ganz nett gewesen.
 
 
Ich lach so gern
 
Wir werden hier Emily Blunts Stimme nicht mit der von Julie Andrews vergleichen. Dame Julie war in ihrem Metier eine der besten Sängerinnen ihrer Zeit. Es reicht zu erwähnen, dass Emily Blunt ihren Job ganz gut macht. Aber natürlich müssen wir die Musik des neuen Films mit der des Originals vergleichen. Die war damals nämlich von so hervorragender Qualität, dass Jazz-Größen wie John Coltrane, Duke Ellington und sogar Louis Armstrong die Songs coverten. Und so leid es mir tut, im neuen Film ist nichts zu hören, für das Satchmo seine Trompete aus dem Koffer geholt hätte.
 
Und dabei hat Disney doch u.a. erst vor Kurzem mit „Die Eiskönigin“ bewiesen, dass man in diesem Haus immer noch große Musical-Hits zu produzieren vermag. Die Lieder in „Mary Poppins‘ Rückkehr“ sind alle ganz nett, aber nichts Besonderes. Ganz sicher ist kein einziges dieser Lieder auch nur halbwegs „supercalifragilisticexpialigetisch“.
 
Und auch der Humor gehört zu den Dingen, die hier nur so halbwegs funktionieren. 1964 erschien vieles herrlich skurril, was heute nur noch altbacken wirkt. Wenn Mary Poppins heute das Treppengeländer hochrutscht, ist das eine nette Referenz, mehr aber auch nicht. Wenn man einen Parkwächter immer wieder die Kinder vom Rasen jagen lässt, nur damit man dann einen mittelmäßigen und absolut vorhersehbaren Gag präsentieren kann, wirkt das einfach nur sehr bemüht.
 
Chim-Chim-Cheree
 
Die Kombination von Real- und Trickfilm war 1964 revolutionär. In den letzten 54 Jahren haben wir ähnliches aber oft genug gesehen. Und wenn in „Mary Poppins‘ Rückkehr“ nun tatsächlich handgemalte Animationsszenen zu sehen sind, hat sich Disney wieder furchtbar viel Mühe gegeben. Leider bleibt auch hier die Wirkung aus. Auch wenn es hart klingt: was 1964 wunderschön anzusehen war, wirkt heute leider einfach ein bisschen altmodisch. Eine animierte Verfolgungsjagd in der Fantasiewelt fällt viel zu dunkel aus und wirkt wie aus einem anderen, viel älteren Film. Wenn an anderer Stelle dann Stuntmen auf BMX-Rädern durch die Realfilmszenen hüpfen, wirkt das wiederum einfach bloß unpassend.
 
Auch die Ausstattung kann nicht recht überzeugen. Das Szenenbild wirkt wenig eindrucksvoll, stört aber nicht. Das kann man von den Kostümen leider nicht behaupten. Sandy Powell wurde zurecht mehrfach für ihre Arbeit ausgezeichnet. Nach diesem Film muss man sich fragen, ob sie mittlerweile farbenblind geworden ist oder ob ihr Atelier einfach nicht sehr gut beleuchtet war. Dieser Film spielt in den Dreißigerjahren. Trotzdem fallen die Farben und die Designs der Kostüme teilweise schriller aus als in „Mamma Mia 2“.
 
01 ©2018 Walt Disney Pictures02 ©2018 Walt Disney Pictures03 ©2018 Walt Disney Pictures04 ©2018 Walt Disney Pictures
 
Immer und immer wieder versuchen die Filmemacher uns für ihren Film einzunehmen. Und nur selten gelingt das so richtig. Wo die BMX-Räder zu modern sind, wirken die Tanzeinlagen zu altmodisch. Auch der Auftritt von Dick Van Dyke, des Schornsteinfegers von 1964, ist natürlich gut gemeint, aber leider schlecht gemacht. Seine Rolle als „Deus Ex Machina“ ist einfach nur lächerlich.
 
Und natürlich gönnt man es der greisen Angela Lansbury, wenn sie nach vielen Jahren wieder einmal in einem Disney-Film singen darf. Leider ist es allzu offensichtlich, dass ihr Part ganz klar als Cameo für Julie Andrews gedacht war. Bloß war Dame Julie so klug abzulehnen. Angela Lansbury hat mit dem Film von 1964 übrigens nur insoweit zu tun, als sie einige Jahre später in der schwachen Kopie „Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett“ aufgetreten ist.
 
Ein Löffelchen voll Zucker
 
Emily Blunt singt in der Titelrolle nicht schlecht, tanzt bezaubernd und macht ihre Sache auch sonst ganz gut. Niemand wird sie allerdings jemals mit der jungen Julie Andrews verwechseln.
 
Einer der wenigen berechtigten Kritikpunkte am Original war die Besetzung des aus dem amerikanischen Mittelwesten stammenden Dick Van Dyke als Cockney. Im neuen Film wirkt Lin-Manuel Miranda, dessen Eltern aus Lateinamerika stammen, im entsprechenden Part genauso wenig überzeugend. Die von ihm interpretierten Lieder hat man bereits vergessen, bevor er sie zu Ende gesungen hat.
 
Der arme Ben Wishaw („Cloud Atlas“) hat wohl sehr früh erkannt, wie schlecht seine Rolle als Vater geschrieben war. Trotzdem hätte er wenigstens versuchen können, etwas aus dem Part zu machen.
 
Emily Mortimer („Lieber Frankie“) verschwendet ihr Talent in einer Rolle, an der sogar die Drehbuchautoren irgendwann das Interesse verloren haben. So bleibt am Schluss unklar, ob Jane nun eine Liebesgeschichte erlebt oder nicht.
 
Die beiden großen Schauspielerinnen Meryl Streep und Julie Walters sind in Rollen zu sehen, die sie beide schon mal besser gespielt haben.
 
Warum Colin Firth die Rolle übernommen hat, die er in diesem Film spielt, ist unklar.
 
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Fazit
 
Trotz all der offensichtlichen Mühe, bleibt „Mary Poppins‘ Rückkehr“ bloß ein passables Disney-Musical. Kein Kind wird darum bitten, diesen Film ein zweites Mal sehen zu dürfen. Kein Erwachsener wird eines der Lieder aus dem Film auf seinem mp3-player haben wollen. Und in 50 Jahren werden sich bloß Filmkritiker dieses Films erinnern.
 
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