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***Jurassic World***


jw kritik
 
Autor: Manuel Boecker
 
Das dumpfe Stampfen der Krallen auf dem Dschungelboden und das satte Gebrüll aus dem aufgerissenen Maul eines T-Rex klingen noch allen Zuschauern in den Ohren, die vor der Generation Y das Licht der Welt erblickten. 22 Jahre nach dem Start der Trilogie geht es in „Jurassic World“ wieder zurück auf die Isla Nublar und am Ende – wie sollte es anders sein – legen die reanimierten Urzeitviecher wieder einmal das ganze Filmset in Trümmer.
 
Das ist unglaublich unterhaltsam, stellenweise witzig und genauso brutal wie bildgewaltig, wegen der ständigen selbstreferenziellen Anschlüße aber nicht besser oder spannender als vor 20 Jahren.
 
2015 ist das Jahr der späten vierten Teile im Filmgeschäft, bei „Mad Max“ waren es 35 Jahre seit dem Kick-Off der Reihe, „Jurassic Park“ liegt dagegen nur schlappe 22 Jahre zurück. Während jedoch den „Mad Max“- Machern mit ihrem vierten Teil ein irrsinnig überdrehtes Spektakel gelang, wuchs in „Jurassic World“ nur die schiere Größe des genmanipulierten Sauriers, nicht aber die Qualität des Drehbuchs. Vom Konzept des ersten Teils „Kinder-werden-von-Dinos-gejagt-und-sympathischer-Held-rettet-sie“ wich Regisseur Colin Trevorrow keinen Millimeter ab, die Handlung wird lediglich um einen moral-philosophischen Diskurs und einige Krimi-Elemente mit militärischen Machenschaften ergänzt.
 
 
Die Handlung schließt an den Traum von Dr. Hammond an, dem Schöpfer der Gen-Saurier aus dem ersten Teil, der sich einen Themenpark für viele tausend Besucher wünschte. Mit staunenden Kinderaugen darf der Zuschauer von „Jurassic World“ nun die Pracht und die gewaltigen Ausmaße des vor einiger Zeit realisierten, wissenschaftlichen Freizeitsparks bewundern. Die Organisationschefin Claire, anfangs herrlich bieder von Bryce Dallas Howard gespielt, bevor sich ihre Frisur später parallel zur ihrer Verklemmtheit auflöst, arbeitet fieberhaft mit Genetiker Dr. Wu und dem milliardenschweren Besitzer des Parks, Masrani (Irrfan Khan), an der Steigerung der Besucherzahlen.
 
Neues Geld in die Kasse soll die Entwicklung eines genveränderten Mega-Sauriers spülen, der fernab der Besucherströme in einem Stahlbeton-Zirkusrund seine Kraft erproben darf. Völlig unpassend bekommt die karrierewütige Claire Besuch von ihren beiden Neffen Gray und Zach, die von ihren Eltern zu Ferienzwecken auf die Insel abgestellt wurden. Als Claires Assistentin kurzerhand die Aufgabe bekommt, sich um die Brüder zu kümmern, nutzen die beiden die erstbeste Gelegenheit, um sich aus dem Staub zu machen und den Dino-Themenpark auf eigene Faust zu erkunden. Parallel dazu lernen wir den Ex-Soldaten Owen (Chris Patt) kennen, der in einem Forschungsprojekt Raptoren aufzieht und bändigt.
 
Soweit die heile Welt des Beginns, Kameraflüge über die mit fröhlichen Passanten besetzte Main Street und über Weiden mit grasenden Pflanzenfresser-Dinos geben einen Vorgeschmack auf die Katastrophe, die da unvermeidlich im Anflug ist. Denn die neue Kreatur namens „Indominus Rex“ scheint nicht nur größer, sondern auch intelligenter zu sein als angenommen und büchst dreist aus dem Käfig aus. Von nun an beginnt das alte Katz-und-Maus-Spiel, an deren Ende sich die Überlebenden sogar Hilfe beim guten alten T-Rex holen, um den „Geist“, den sie erschaffen haben wieder los zu werden... Flankiert wird die blutige Hetze von der Liebesgeschichte zwischen den beiden schlagfertigen Alpha-Tieren Claire und Owen, sowie den Intrigen rund um den zwielichtigen Vic Hoskins (Vincent D´Onofrio), der die katastrophale Ausnahmesituation nutzen will, um den militärischen Nutzen von Raptoren zu belegen.
 
01 ©2014 Universal Pictures02 ©2014 Universal Pictures03 ©2014 Universal Pictures04 ©2014 Universal Pictures
 
Mit dem Film erfüllt Regisseur Colin Trevorrow, mit viel Vorschuß-Vertrauen vom Altmeister Steven Spielberg auf diesen Posten gehoben, mit Perfektion seine Hausaufgaben: Die Dinos brüllen und röcheln, dass einem der Atem stockt, die Besucher kreischen und lassen sich teilweise äußerst brutal fressen, die Figuren entwickeln sich zu echten Persönlichkeiten mit vielschichtigem Innenleben und doch stößt das Franchise-Unternehmen „Jurassic“ mit dem vierten Teil irgendwie an seine Grenze. Das enge Korsett von Michael Crichton´s Romanvorlage, das den ersten Teil zu einem prägenden Kultfilm einer ganzen Generation werden ließ, schnürt die Handlung in „Jurassic World“ mehr ein, als dass es neue Freiheiten gewährt.
 
Die 3D-Technik ist natürlich eine echte Bereicherung für ins Publikum ragende Dinosaurierzähne, doch die computeranimierten Riesen-Echsen waren schon vor zwanzig Jahren eine Sensation und konnten schlicht und einfach nicht noch weiter perfektioniert werden. Im Gegenteil, die berührendste Szene im Film entsteht mit einem „echten“ Brontosaurus, also ein von Puppenspielern und Computerspezialisten bewegter Koloss, der unter den Händen der weinenden Claire seinen letzten Atemzug macht, nachdem „Indominus Rex“ ihn tödlich verletzte. In die D N A dieses gigantischen Sauriers sind übrigens Versatzstücke von unterschiedlichsten Tieren gemischt, beispielsweise sorgen Tintenfisch-Gene für eine optimale Tarnung, mit Chromosomen eines Laubfrosches kann er Wärmebildkameras umgehen und seinen unglaublichen Fressdrang verdankt er dem Raptoren-Gen.
 
Ein wenig wissenschaftliche Selbstironie schwingt also doch mit, zu sehen in einem resignierenden Lächeln des Hauptdarstellers, als er von dieser „Zutatenliste“ erfährt und realisiert, dass der Feind auf herkömmliche Weise nicht zu besiegen ist. Also wird ähnlich wie in „Rocky“ der alte Gegner zum Verbündeten und ein gewöhnlicher T-Rex muss in die Endschlacht eingreifen, bevor das Wesen von einem noch größeren Monster zur Strecke gebracht wird...
 
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Nach vielen Jahren des Zögerns, der Vorplanung und des Hinausschiebens haben die Produzenten Steven Spielberg und Thomas Tull nun endlich den Schritt gewagt, die Reihe fortzusetzen. Für das Mainstream-Kino sicher ein Gewinn... Die philosophische Frage, von den Machern mit einem mahnenden Ziegefinger gestellt, was passiert, wenn man in die Abläufe der Natur eingreift, ist jedoch nur das kapitalismuskritische und wissenschaftsskeptische Alibi des Films und kann getrost kurz und knapp beantwortet werden: Am Ende ist immer die ganze Kulisse zerstört. Der Dino ist tot, es lebe der Dino! Wahrscheinlich dann wieder in Teil 5...
 
 
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